Transcription of Sozialwaisen – Kleinkinder ohne Familie …
1 Sozialwaisen Kleinkinder ohne Familie Auswirkungen von Hospitalismus Maximilian Riel nder F r eine Zeitschrift der Gesellschaft f r Sozialwaisen (GeSo) M nster 1982 Der ffentliche Umgang mit Kindern, die als Sozialwaisen ohne Familie aufwachsen, hat eine lan-ge Geschichte. rzte, Psychologen und P dagogen haben zum Schicksal von Sozialwaisen , die in ihren ersten Lebensjahren ohne Familie aufwachsen, nachgedacht und geforscht: Was ist das Schicksal dieser Sozialwaisen ? Wie wird ihre fr he und sp tere Entwicklung durch das fr he Schicksal der Famili-enlosigkeit gepr gt? Welche Hilfen und Ma nahmen sind sinnvoll, um diesen Kindern ein men-schenw rdiges Leben zu erm glichen? Auch dieses Nachdenken und Forschen hat seine Geschichte. Wir k nnen aus dem Schicksal der familienlosen Kleinkinder vieles lernen: Was braucht ein Kind zu einer gesunden ganzheitlichen Entwicklung, die alle Bereiche spezi-fisch menschlicher Entwicklung umfa t?
2 Was braucht ein Kind also zur Entfaltung seines k rperlichen und geistigen Wachstums, zur Entfaltung seines F hlens und Handelns, zum Erleben und Gestalten von guten Beziehungen zu anderen Menschen? Hier k nnen Leser am Schicksal familienloser Kleinkinder und an der Forschung zu ihrem Schick-sal Anteil nehmen Inhalt 1. Kinder in Findelh usern und S uglingsanstalten: Beobachtungen und Auswertungen von Kinder rzten 2 Findelh user 2 Hospitalismus in S uglingsheimen 2 Meinhard von Pfaundler ein lang vergessener Mahner zum Hospitalismus 3 Praxis der institutionellen S uglingspflege 6 Kritik an der Heimerziehung f r S uglinge und Kleinkinder 6 2. Bahnbrechende Forschungen von Rene Spitz zum Hospitalismus 7 Forschungen zur Entwicklungspsychologie des ersten Lebensjahres 7 Anaklitische Depression und Hospitalismus 8 Die Bedeutung der Forschungen von Rene Spitz 9 Folgerungen zu positiven Entwicklungsbedingungen f r Kleinkinder 10 3.
3 Institutionsbedingungen und Intelligenzentwicklung: Untersuchungen von Harold M. Skeels u. a.: 11 Die Untersuchungen 11 Auswertungen der Untersuchungen zur Intelligenzentwicklung 12 Literatur 13 11. Kinder in Findelh usern und S uglingsanstalten: Beobachtungen und Auswertungen von Kinder rzten Findelh user Im Mittelalter war es blich, unwillkommene Kleinkinder in Findelh usern abzugeben. Das erste Findelhaus in Mailand wurde im Jahre 780 auf Veranlassung des dortigen Bischofs eingerichtet. Weitere Findelh user entstanden bald in mehreren italienischen St dten. Papst Innozenz III. lie im Jahre 1194 innerhalb eines Spitals in Rom ein Findelhaus mit einer besonderen Drehlade ein-richten, mit einer Klappe in der Klostermauer, durch die ein Kind bis zu einer bestimmten Gr - e hineingelegt und durch eine Drehung des Kastens ins Innere bef rdert wurde.
4 Auf diese Weise konnten Kinder auch unerkannt und in der Nacht abgesetzt werden. Auch Ehepaare nutzten fters die Vorrichtung der Drehlade, um ihre unerw nschten Kinder im Findelhaus abzugeben. Dieses System der Findelh user mit Drehlade verbreitete sich sehr stark. Kaiser Napoleon I. ver-ordnete im Jahre 1811 sogar, da derart ausgestattete Findelh user in allen franz sischen Depar-tements errichtet werden sollten. In den europ ischen Hauptst dten wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts sogar 20 - 30% der geborenen Kinder in Findelh usern abgegeben. Am Beispiel der Stadt Mainz l t sich zeigen, wie die Einrichtung eines Findelhauses mit Drehlade das Aussetzen unerw nschter Kinder erleichterte und f rderte: w hrend in den Jahren 1791 - 1810 insgesamt nur 30 Kinder ausgesetzt wurden, stieg nach Napoleons Verordnung zur Einrichtung einer Drehlade die Zahl der ausgesetzten Kinder in den kommenden 3 Jahren auf 516.
5 Die Zust nde in den Findelh usern waren in bezug auf Unterbringung, Hygiene, Ern hrung und Betreuung katastrophal. In den meisten Findelh usern starben etwa 60 - 90% der ausgesetzten Kinder im ersten Lebensjahr. Im Prager Findelhaus z. B., das 1781 gegr ndet wurde und in dem j hrlich 3000 Kinder aufgenommen wurden, starben 50 - 70% der Kinder; die Verh ltnisse in dem Findelhaus waren so schlimm, da der Prager Landtag im Jahre 1863 die Aufhebung des Findel-hauses erwog. Der franz sische Arzt Villerme schlug sogar vor, an den Findelh usern Schilder mit der Aufschrift: Hier l t man Kinder auf Staatskosten sterben." anbringen zu lassen Hospitalismus in S uglingsheimen Ab Mitte des 19. Jahrhunderts wurden die f hrenden Kinder rzte auf die Problematik der Findel-h user aufmerksam.
6 Damals pr gten die Mediziner auch den Begriff "Hospitalismus". So schrieb der Kinderarzt Tugendreich im Jahre 1910: Der "Hospitalismus ist im einzelnen mannigfach, aber im gro en immer dadurch charakteri-siert, da S uglinge, die noch nicht hochgradig erkrankt oder sogar gesund eingeliefert waren, in den Anstalten sich fortw hrend verschlechterten bis zum schlie lich erfolgten Tode". Zu Beginn dieses Jahrhunderts wiesen die beiden f hrenden Kinder rzte Artur Schlo mann und Meinhard von Pfaundler auf die Problematik der S uglingsanstalten hin und setzten sich f r eine Verbesserung ein. Sie betrachteten die Anstaltszust nde jedoch aus verschiedenen Blickwinkeln: Schlo mann sah die Ursache f r die S uglingssterblichkeit in unzul nglichen hygienischen Bedingungen, die zu Infektionsausbreitungen f hrten, an denen dann viele Kinder starben.
7 R ckte demgegen ber den psychischen Hospitalismus", die seelische Vernachl s-sigung der S uglinge in den S uglingsanstalten ins Blickfeld und zeigte die Folgen von Mutter-entbehrung und schematischer Anstaltsroutine auf. Schlo mann gr ndete 1898 das Dresdener S uglingsheim . Den Begriff des S uglingsheimes benutzte er als bewu t gew hlte Tarnbezeichnung, um die wegen der hohen Anstaltssterblichkeit vorhandenen lokalen Widerst nde gegen die Einrichtung seiner S uglingsklinik zu berwinden. Er sorgte in der Klinik f r die Bek mpfung der S uglingssterblichkeit durch konsequente hygienische Ma nahmen, durch die Einstellung von Ammen, usw. In seinem S uglingsheim sank die Sterblich-keit in der Zeit von 1912 - 1920 von 71% auf 17%. Dieser Erfolg f rderte ein Umdenken in der kli-nischen Kinderheilkunde.
8 S uglingskliniken wurden nach hygienischen Grunds tzen durch Sorge f r Quarant ne, Asepsis bei der Versorgung, Impfungen, geeigneter Ern hrung modernisiert. Die Sterblichkeitsrate sank in den weiteren Jahren in gut gef hrten S uglingsheimen auf 0 - 2%. Meinhard von Pfaundler ein lang vergessener Mahner zum Hospitalismus Die fr hen Beitr ge des Kinderarztes Meinhard von Pfaundler zum Problem des Hospitalismus zwischen 1900 und 1930 waren erstaunlich ausgereift. Diese Beitr ge sind auch heute noch inte-ressant und k nnen den Leser faszinieren. Diese Beitr ge wurden sp ter in der Kinderheilkunde 'vergessen', bis Hellbr gge 1966 und Pechstein 1974 sie wieder ans Tageslicht brachten; und in der Psychologie wurden diese Beitr ge leider gar nicht wahrgenommen.
9 1901 hielt einen bedeutsamen Vortrag ber nat rliche und rationelle S uglingspfle-ge". Er wies darauf hin, da bei den Naturv lkern das junge Kind auch jenseits der Geburt gleich-sam ein untrennbarer Teil des m tterlichen K rpers ist. Er r gte die widernat rliche Entfernung (des S uglings) von der Mutter unter den modernen zivilisatorischen Bedingungen und erl uterte n her die Entstehung des Hospitalismus: Wo die Mutter oder eine n chste Anverwandte oder sonst eine f r das Kind empfindende Per-son sich der Pflege ganz hingibt, wird der schwerere Schaden solcher Art meist nicht eintreten. Wohl aber sieht man ihn bei Kostkindern und insbesondere in Anstalten f r gesunde und kran-ke S uglinge, die unzureichendes Pflegepersonal haben. Hier verfallen die Kinder oft einem als 'Hospitalismus bezeichneten bel.
10 Die Reaktion der Unruhe auf das Sich-selbst- ber-lassensein h rt nach Tagen bis Wochen allm hlich auf und dann setzt ein langsam fortschrei-tender Verfall ein.. Man glaubte vormals, es w re die Anh ufung der S uglinge, die als solche Sch den verur-sacht; auch die Bakterien wurden nat rlich verantwortlich gemacht. Wo aber gleich viele S ug-linge zusammengedr ngt und ohne jeden besonderen Aufwand an sogenannter medizinischer Asepsis, also unter sonst ung nstigen u eren Verh ltnissen von ihren M ttern und damit in-dividualisierend gepflegt werden wie in gewissen Findelanstalten sterreichs und Frank-reichs da spielt der Hospitalismus keine ann hernd ebensolche Rolle." 1915 stellt die Bedingungen des Hospitalismus ausf hrlich in seiner "Physiologie des Neugeborenen im Handbuch der Geburtshilfe dar.