Example: dental hygienist

DAS ALTER – DIE HERAUSFORDERUNG DER …

Aufkl rung und Kritik, Sonderheft 11/200668 Prof. Dr. Ernst Tugendhat im Gespr ch mit Jochen RackDAS ALTER DIE HERAUSFORDERUNG DERFRUSTRATIONENHerr Tugendhat, Sie sind 73 Jahre alt undemeritierter Professor f r Pensionierung ist ja f r viele Men-schen ein Einschnitt, der das ALTER prak-tisch erfahrbar macht. K nnen Sie sicherinnern, wann f r Sie ein Altersschockeingesetzt hat?Er kam bei mir eigentlich erst sp ter alsdie Pensionierung. Ich hab mich sogarrelativ fr h pensionieren lassen, aber ichwei , Sie sprechen da ein Problem an, dasf r mich in dieser Form nicht bestandenhat, weil ich, als ich mich in Deutschlandhabe pensionieren lassen, noch lange inS damerika unterrichtet habe. Aber dasAufh ren der aktiven Arbeit, ob das jetztPensionierung an der Uni ist oder einesonstige T tigkeit, ist f r viele sei es einSchock, sei es, da es allemal ein Problemist, weil Menschen in Zielsetzungen leben,sich irgendwie umsetzen m ssen.

Aufklärung und Kritik, Sonderheft 11/2006 69 die Krankheiten in die Länge gezogen. Das kann man als außerordentlich frustrierend ansehen. Man kann Alzheimer befürch-

Information

Domain:

Source:

Link to this page:

Please notify us if you found a problem with this document:

Other abuse

Advertisement

Transcription of DAS ALTER – DIE HERAUSFORDERUNG DER …

1 Aufkl rung und Kritik, Sonderheft 11/200668 Prof. Dr. Ernst Tugendhat im Gespr ch mit Jochen RackDAS ALTER DIE HERAUSFORDERUNG DERFRUSTRATIONENHerr Tugendhat, Sie sind 73 Jahre alt undemeritierter Professor f r Pensionierung ist ja f r viele Men-schen ein Einschnitt, der das ALTER prak-tisch erfahrbar macht. K nnen Sie sicherinnern, wann f r Sie ein Altersschockeingesetzt hat?Er kam bei mir eigentlich erst sp ter alsdie Pensionierung. Ich hab mich sogarrelativ fr h pensionieren lassen, aber ichwei , Sie sprechen da ein Problem an, dasf r mich in dieser Form nicht bestandenhat, weil ich, als ich mich in Deutschlandhabe pensionieren lassen, noch lange inS damerika unterrichtet habe. Aber dasAufh ren der aktiven Arbeit, ob das jetztPensionierung an der Uni ist oder einesonstige T tigkeit, ist f r viele sei es einSchock, sei es, da es allemal ein Problemist, weil Menschen in Zielsetzungen leben,sich irgendwie umsetzen m ssen.

2 DieSchwierigkeit, wenn der Beruf aufh rt, ist,was macht man jetzt. Aber um auf Ihrepers nliche Frage zur ckzukommen, ichf hle mich mit meinen 73 Jahren in ei-nem relativen Fr hat ja neuerdings unterschieden zwi-schen alt sein und sehr alt sein. Ich findees ganz richtig, da in unserer Zeit, in derdie Menschen lter werden als sie fr herwurden, durch andere Ern hrung und vorallem durch medizinische Ver nderungen und das ist ein weiteres Problem: diemedizinischen Fortschritte unterschei-det man das fr he ALTER , das eben, sagenwir mit der Pensionierung, Aufh ren derArbeit beginnt, von einem sp ten ALTER ,das vor allem mit Hinf lligkeit verbundenwird. Hier kommen zus tzliche Problemeherein. So oder so, w rde ich sagen, istsowohl schon das erste Stadium des Al-ters wie dann auch dieses Sp tstadium desAlters, das bei verschiedenen Personen inverschiedenen Jahren anfangen kann,damit verbunden, da die alten Menschensich mit negativen Aspekten in einem st r-keren Ausma konfrontieren m ssen, alssie es in ihrem bisherigen Leben getanhaben.

3 Man k nnte sagen, das ganze Pro-blem, wie man sich zu seinem ALTER ver-h lt, sei es da es einem noch bevorsteht,sei es da man drinsteckt, sei es, da ei-nem das hohe ALTER noch bevorsteht, ge-h rt in die weitere Frage, wie konfrontiertman sich mit den Frustrationen, mit dennegativen Aspekten des Lebens?Was sind denn aus Ihrer Sicht die wesent-lichen Frustrationen, mit denen die so-ziale und nat rliche Welt den Menschenkonfrontiert?Man kann nat rlich mit dem Tod anfan-gen: man h rt auf das ist auch schoneine Grundfrustration. Zweitens, wennman alt wird, ist man entweder schonkrank auf die eine oder andere Art, oderman ist mit der Frage konfrontiert, waswird man f r eine Krankheit Problem hat sich heute verst rkt,weil man nicht so einfach zugrunde geht,wenn man eine bestimmte Krankheit hat,wie das die Tiere tun und wie das bei denMenschen fr her der Fall war, sonderndurch den Fortschritt der Medizin werden Aufkl rung und Kritik, Sonderheft 11/200669die Krankheiten in die L nge gezogen.

4 Daskann man als au erordentlich frustrierendansehen. Man kann Alzheimer bef rch-ten, auch sein normales Bewu tsein oderGed chtnis verlieren das sind in gewis-ser Weise Horrorvorstellungen. Man soll-te nicht verleugnen, da sich diese imAlter verst rken, aber man sollte auch dieChance sehen, die dadurch gegeben ist,da man die negativen Sachen st rker insein bewu tes Leben einbaut. Wenn mansich das Gesicht eines jungen Men-schen anschaut und sich im Gegensatzdazu die Gesichter von alten Menschen,da kann man alles m gliche sehen; es gibtverzweifelte alte Menschen und es gibt alteMenschen, die irgendwie ihr Selbst ver-loren zu haben scheinen, aber es gibt auchandere M glichkeiten, wo man im Gesichteines Menschen sieht, da er Erfahrun-gen und Negativit ten verarbeitet kann ich so schlecht verstehen,wie Leute wie Canetti oder Jean Ameryfroh zu sein scheinen, wenn es das Altergar nicht g be.

5 Erstens ist das nicht vor-stellbar, ich verstehe nicht, warum mangegen etwas angehen soll, was zur nat r-lichen Ausstattung von Tieren und Men-schen geh rt. Zweitens finde ich das eineunfruchtbare Reaktion, w hrend es inWirklichkeit eine HERAUSFORDERUNG ist der man allerdings eventuell im hohenAlter doch erliegen k nnte keiner wei sicher, wie er dann am Ende aufh haben hier gewisserma en zwei La-ger gegen berstehen: die einen, die dasAlter als Chance sehen, die anderen, dievor allem die kr nkenden Seiten des Al-ters in den Vordergrund stellen das ist ein gutes Wort: Kr nkungen Sie haben Jean Amery erw hnt, der inseinem Buch ber das Altern vor allemden Aspekt der Resignation beschreibt,gegen den zu revoltieren sei.

6 Der Atemwird schwerer, die Muskeln schw cher,das Hirn bl der , hei t es bei negative Vorstellugn des Altersscheint mir im Gegensatz zu dem zu ste-hen, worauf Sie mit der Analyse des Ge-sichts hingewiesen haben. Amery sagt, dieZeit laste auf den verstehe ich nicht ganz die Zeit la-stet auf dem alten Menschen. Vielleichtmeint er es in dem Sinn, da die Zeit, dieman jeweils hat, von Tag zu Tag, weil sienicht mehr so leicht ausgef llt werdenkann, sozusagen langweilig meint es auch in dem Sinne, da dieZeit der Jugend, als M glichkeit sich ohnezeitliche Limitierung zu entwerfen, derVorstellung weicht, da gewisse Dinge niewieder m glich sind, weil die Zeit unum-kehrbar ist und die Zeit, die bevorsteht,immer k rzer die Zeit, die bevorsteht immer k r-zer wird, das ist richtig, ja.

7 Das die Zeitunumkehrbar ist, das ist nat rlich ein Ph -nomen, das von Anfang an gegeben gibt Menschen, die, wenn sie 30 wer-den, ihren ersten Altersschock glaube, man sollte im Auge haben, da eigentlich jedes ALTER , insbesondere auchdie ganz fr hen ALTER , das erste Le-bensjahr eines Menschen seine Schwie-rigkeiten enth lt. Wahrscheinlich ist daetwas, was in gewisser Weise konstantbleibt und wo das ALTER eine Chance ent-h lt, da man obwohl die Negativit ten Aufkl rung und Kritik, Sonderheft 11/200670gr er werden, auch die F higkeit, dieNegativit t zu integrieren, gr er F higkeiten hat man als wirklichkleines Kind, Negativit ten zu integrieren?Das ist etwas, was wir nur sehr allm h-lich ich Sie richtig verstehe, kann manIhre Position etwa an die Platons an-schlie en.

8 Platon inszeniert den Anfangder Politeia, seiner gro en Staatstheorie,so, da er Sokrates mit einem greisenMann namens Kephalos ber das Altersprechen l sst, bevor der moralische Dis-kurs startet. Bei Platon ist die Vorstellungdes Alters durchaus positiv besetzt: Ke-phalos antwortet, dass er froh sei, da diesinnlichen Gen sse, die in der Jugendst rker waren, abnehmen und deshalb dieFreude am Gedankenaustausch entwickelt sich also eine geistige Vor-stellung des Alters, die sp ter immer wie-der auftaucht, etwa bei Cicero, der dasAlter als die Zeit des Denkens bestimmt,in der man frei ist von den Affekten. Ist esvielleicht sogar so, da wir einen innerenZusammenhang herstellen k nnen vonAlter und Philosophie?

9 Das ist auch ein Gedanke, den Platon hat-te, allerdings nicht auf das eigentliche Al-ter bezogen, aber sowohl Platon als auchAristoteles sagten, ber die menschlichinteressanten Dinge in der Philosophiekann man als Junger noch gar nicht rich-tig nachdenken, weil man daf r Erfahrungbraucht. Andererseits, was hier Kephalosdem Sokrates antwortet, das bezieht sichnat rlich nur auf das, was ich vorhin daserste Stadium des Alters genannt habe undwas Sie bei Amery zitiert haben, beson-ders dieser eine Satz, da das Gehirn ver-bl det, das ist nat rlich eine der ngste,die man als alternder Mensch hat, da mansenil und schwachsinnig werden kann. DieKurve der Schwachsinnigkeit steigt abdem 70sten Jahr relativ stark an und isteine Wahrscheinlichkeitskurve.

10 Das istetwas, was man nicht auf der Ebene, aufder hier in der Politeia von Platon gespro-chen wird, zu fassen bekommt, weil mandann f rchtet, da man sich selbst verliertund das kann man, glaube ich, auf keineWeise irgendwie als positiv hinstellen; dasist ein Negativum und wie es einem ge-hen wird, das kann man nicht wissen. DieBef rchtung, da die Wahrscheinlichkeitgro ist, besteht. Ich habe da einmal et-was von Prozentzahlen gelesen, das gehtdann bis auf 40 Prozent Schwachsinn beiden 90j hrigen. Das ist etwas wenn Amery ein Buch schreibt, dannist er ja noch nicht verbl det; er hat viel-leicht ein etwas weniger gutes Ged cht-nis, aber das ist ja nicht so schlimm. Dak nnte Kephalos sagen : du hast anderer-seits eine M glichkeit, Dich auf Gedan-kenprobleme zu konzentrieren, die du alsJugendlicher oder Mensch mittleren Al-ters noch nicht w re dann die F lle der Erfahrung,die der alte Mensch einbringt Ja, aber wissen Sie, da mit der F lle, dasist so gesagt worden, das ist mir noch zupositiv, finde ich.


Related search queries