Transcription of Burnout - Max Planck Society
1 Wie entsteht es? Burnout Wie wird es behandelt? Was ist der Zusammenhang mit Stress? Wie kann ich vorbeugen? 1. Martin E. Keck Inhalt Vorwort zur zweiten, berarbeiteten Auflage .. 3. Burnout oder Depression? .. 4. Wichtigkeit der fach rztlichen Abkl rung .. 5. Risikofaktoren f r die Entwicklung eines Burnouts .. 5. K rperliche Symptome des Burnouts .. 6. Verlauf des Burnouts .. 7. Macht Stress krank? Burnout als Stressfolgeerkrankung .. 10. Weshalb entsteht ein Burnout ? .. 13. Stressdepression: eine lebensgef hrliche Erkrankung .. 15. Burnout und Stressdepression der gesamte K rper ist betroffen .. 16. Wie funktioniert der Nervenstoffwechsel? .. 17. Stress, Gehirn und Psyche ein Beispiel .. 17. Welche Rolle spielen die Gene? .. 18. Neue Konzepte der Behandlung des Burnouts und der Stressdepression .. 20. Individuelle Therapie .. 20. Biofeedback .. 21. Progressive Muskelentspannung .. 21. Psychotherapie und Coaching .. 22. Verhaltenstherapie .. 23. Achtsamkeit .. 24.
2 Schematherapie .. 25. Medikament se Therapie .. 25. Medikament se Behandlung: Nebenwirkungen .. 27. Bew hrte erg nzende Therapieformen .. 27. Was sch tzt? .. 28. Wie kann ich vorbeugen? .. 29. M gliche Warnzeichen .. 32. rztliche und therapeutische Hilfe .. 32. Informationen /Selbsthilfegruppen .. 33. Autor .. 34. 2. Vorwort zur zweiten, berarbeiteten Auflage Burnout Wie entsteht es? Wie wird es behandelt? Was ist der Zusammenhang mit Stress? Wie kann ich vorbeugen? Durch andauernden Stress ausgel ste Erkrankungen geh ren heute zu den weltweit schwerwiegendsten und bedeutendsten Krankheitsbildern. Burnout das Ausgebranntsein oder Ersch pftsein ist eines davon und betrifft in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen und Schwe- regraden bis zu 20% der Bev lkerung. Die Weltgesundheitsorganisation WHO stuft Stress als eine der gr ssten Gesundheitsgefahren des 21. Jahrhunderts ein. Die ffentliche und me- diale Aufmerksamkeit auf den Begriff Burnout zeigt gleichzeitig den erheblichen Informationsbedarf unserer Gesellschaft.
3 Das Denken, die Gef hle, der K rper, die sozialen Beziehungen, das ganze Leben sind beeintr chtigt. Trotz der enormen Bedeutung wird Burnout h ufig zu sp t erkannt oder nur unzureichend behandelt. Burnout ist ein Risikofaktor f r das Auftreten anderer schwerwiegender Volkskrankhei- ten wie Depression, Herzinfarkt, Schlaganfall, Osteoporose und Diabetes. Burnout verk rzt unbehandelt die Lebenserwartung. Wichtig ist daher die individuelle, nachhaltige und wissenschaftlich fundierte Therapie und Be- gleitung. Burnout ist heilbar es ist kein Versagen, keine Willensschw che! Die Fortschritte der vergangenen Jahre ergeben ein neues und umfassen- deres Bild der Behandlungsm glichkeiten des Burnouts und seines Fol- gezustandes, der Stress- oder Ersch pfungsdepression. Dennoch besteht noch immer ein Mangel an individuellen, massgeschneiderten sowie wissenschaftlich fundierten Vorbeugungs- und Behandlungskonzepten. Gleichzeitig ist besorgniserregend, dass eine zunehmende Anzahl selbst ernannter Experten Burnout als lukratives Gesch ftsfeld entdeckt.
4 Dieser Ratgeber, der auf dem aktuellen Stand der Forschung beruht, soll helfen, das Ph nomen Burnout besser zu verstehen. Er richtet sich glei- chermassen an Betroffene, deren Angeh rige und Freunde sowie alle Interessierten. Der Ratgeber kann keinesfalls die individuelle rztliche Be- ratung und Diagnostik ersetzen, sondern m chte Anregungen f r das vertiefende Gespr ch bieten. Mit den besten W nschen Prof. Dr. Dr. Martin E. Keck 3. Burnout oder Depression? Das Burnoutsyndrom kann als Sonderform oder Vorstufe der Stress- depression bezeichnet werden. Der urspr ngliche Begriff beschreibt eine Ersch pfungsdepression, die aus beruflicher Dauerbelastung entsteht. Frauen sind hier h ufig zus tzlich den Belastungen aus Haushalt und Familie ausgesetzt, wobei auch die alleinige Haushaltsf hrung einer be- ruflichen Belastung entspricht. Das Burnout ist gekennzeichnet durch Energie verlust, reduzierte Leistungsf higkeit, Gleichg ltigkeit, Zynismus und Unlust bei vorhergehendem, oft langj hrigem, sehr hohem Enga- gement und berdurchschnittlichen Leistungen.
5 H ufig gen gt bei der langj hrigen Anh ufung von Stress ein nur noch relativ geringer Ausl ser ( Stellenwechsel), um die Erkrankung zum Ausbruch zu bringen. Oft sind unklare k rperliche Beschwerden wie verst rktes Schwitzen, Schwindel, Kopfschmerzen, Magen-Darm-Probleme und Muskelschmerzen vorhanden. Sehr h ufig sind Schlafprobleme. Das Burnoutsyndrom kann sich bis zu einer schwergradigen Depression entwickeln. Steigende Erwar- tungen an die Arbeitnehmer, stark zunehmender Druck am Arbeitsplatz und mangelnde Anerkennung haben zu einer Zunahme dieses Ersch pfungs . zustandes gef hrt. Die im Zeitalter der Globalisierung ver nderten Arbeits- und Lebensbedingungen, wie beispielsweise eine st ndige Verf gbarkeit ber E-Mail, Natel oder BlackBerry, stellen neue Anforderungen an die Gesundheit und den richtigen Umgang mit beruflichem Stress. Aus einer Vielzahl m glicher psychischer Symptome sind vier Hauptmerk- male des Burnouts besonders typisch: 1. Ersch pfung: das Gef hl, k rperlich und emotional dauerhaft entkr ftet und ausgelaugt zu sein 2.
6 Zynismus: eine distanzierte, gleichg ltige Einstellung gegen ber der beruflichen T tigkeit bei vorhergehendem sehr grossem Engagement und Einsatz 3. Ineffektivit t: das Gef hl beruflichen und privaten Versagens sowie der Verlust des Vertrauens in die eigenen F higkeiten 4. Ohnmacht: das Gef hl der Hilflosigkeit und des Kontrollverlustes man reagiert nur noch 4. Wichtigkeit der fach rztlichen Abkl rung Eine sorgf ltige und gr ndliche Diagnostik ist die Grundvoraussetzung f r jede erfolgreiche Behandlung. Hierzu braucht es neben psychiatrisch-psy- chosomatischer auch neurologische, radiologische und internistische Ex- pertise. Zun chst muss eine Vielzahl anderer Ursachen, welche zu starker Ersch pfung f hren k nnen, ausgeschlossen werden. Es k nnen dies ent- z ndliche Erkrankungen oder Stoffwechselerkrankungen sein. So muss bei- spielsweise abgekl rt werden, ob eine durch Zecken bertragene Borreliose, eine Schilddr sen- oder Nierenerkrankung, Diabetes oder Multiple Sklerose vorliegt.
7 Erst dann kann von einem Burnout im engeren Sinne gesprochen werden. Risikofaktoren f r die Entwicklung eines Burnouts Am Arbeitsplatz, aber auch zuhause beg nstigen folgende Faktoren die Entstehung eines Burnouts: 1. Arbeits berlastung 2. Zeitdruck 3. Unerreichbare, unrealistische Ziele von aussen vorgegeben, aber auch selbst gestellt 4. Kontrollverlust: Mangel an Einfluss auf die Arbeitsgestaltung, die Aufgaben oder die Abl ufe 5. Fehlende Wertsch tzung, Anerkennung oder Belohnung durch R ckmeldung, Lob, Lohn oder Weiterbildungen 6. Mangel an Gemeinschaft oder Zusammenhalt 7. Mangel an Fairness 8. Wertekonflikt: Es m ssen Aufgaben erledigt werden, die nicht dem eigenen Wertesystem oder Weltbild entsprechen und die innerlich abgelehnt werden 9. Unscharfe Grenze zwischen Beruf/Arbeitswelt und Privatleben, durch st ndige Erreichbarkeit ber Mobiltelefon oder Internet / E-Mail 5. Diesen Risikofaktoren ist gemeinsam, dass sie auf Dauer zu einem Ungleichgewicht zwischen tagt glich erbrachter Leistung und erlebter Be- lohnung, Wertsch tzung und Erholung f hren das macht krank.
8 Es kann aber auch der Fall sein, dass T tigkeiten erbracht werden m ssen, die nicht dem eigenen Wunsch, den Wertvorstellungen oder den F higkei- ten entsprechen der Fachbegriff lautet job-person mismatch . Hierzu kann es im Laufe einer erfolgreichen Berufskarriere kommen, wenn man sich pl tzlich durch Bef rderung gezwungen sieht, unangenehme Dinge, wie beispielsweise die Entlassung von Mitarbeitern, erledigen zu m ssen. Oder aber die Wunschvorstellungen der gew hlten beruflichen T tigkeit erweisen sich nach abgeschlossenem Studium oder Ausbildung als falsch. K rperliche Symptome des Burnouts Zahlreiche k rperliche Symptome wie Schwitzen, Nervosit t, Kopfschmer- zen, Schlaflosigkeit, Magen-Darm-Beschwerden oder R ckenbeschwerden treten in allen Stadien und Schweregraden des Burnouts auf. ( ). Burnout : k rperliche Symptome Kopfschmerzen, Schwindel, Benommenheit Zahnbeschwerden wegen n chtlichem Z hne- knirschen, Verspannung der Kaumuskulatur Mundschleimhautver nderungen und Schmerzen bei s urehaltigen Nahrungsmitteln Schwitzen Muskelschmerzen Herzbeschwerden, Herzrasen, Herzstolpern Atembeschwerden, Engegef hl, Druckgef hl Magen-Darm-Beschwerden, belkeit, V llegef hl, Durchfall, Verstopfung, Schmerzen, Reizmagen, Reizdarm R ckenschmerzen, Nackenschmerzen, bei Frauen Unterleibsbeschwerden / Zyklusst rungen Tinnitus Abb.
9 1: Auswahl m glicher k rperlicher Symptome Die k rperlichen Beschwerden k nnen derart im Vordergrund stehen, dass die dahinter liegenden seelischen Beschwerden nicht erkannt werden 6. Schlafst rungen Schlafst rungen k nnen zu Schwierigkeiten beim Einschlafen, zu Durch- schlafst rungen mit wiederholtem Aufwachen oder zu fr hem Aufwa- chen f hren. Der Schlaf wird als nicht ausreichend, nicht erholsam und sehr oberfl chlich erlebt. Grund ist die durch den chronischen Stress gest rte Schlafarchitektur: In gesundem Zustand werden das Einschlafstadium, das Leichtschlaf . stadium, das mitteltiefe Schlafstadium sowie das Tiefschlafstadium unter schieden. Hinzu kommt das sogenannte REM-Schlafstadium, in dem haupts chlich getr umt wird. Diese Stadien werden in geordneter Reihen- folge 3- bis 4-mal pro Nacht durchlaufen. Die Schlafmedizin weiss heute, dass die ungest rte Abfolge dieser unterschiedlichen Schlafphasen, eine normale Schlafarchitektur, n tig ist, damit der Schlaf eine k rperliche und geistige Regeneration bewirkt.
10 Fehlen Tief- oder Traumschlaf oder werden die Stadien nicht richtig durchlaufen, kann auch ein langer Schlaf weitgehend ohne sp rbare Erholung sein dies ist der Fall bei Burnout und Depression. Antidepressiva, nicht aber klassische Schlafmittel, stellen die normale und gesunde Schlaf architektur wieder her. Verlauf des Burnouts Oft entwickelt sich ein Burnout langsam ber Monate bis Jahre. Im Ver- lauf lassen sich h ufig aber nicht immer einzelne Stadien abgrenzen, die unterschiedliche M glichkeiten zur Hilfe bieten. H ufig finden sich zwischen den einzelnen Verlaufsstadien fliessende berg nge, es k nnen einzelne Stadien auch bersprungen werden. Stadium 1: Warnsymptome der Anfangsphase 1. Vermehrtes Engagement f r bestimmte Ziele 2. Nahezu pausenloses Arbeiten mit Verzicht auf Erholungs- oder Entspannungsphasen sowie dem Gef hl der Unentbehrlichkeit bzw. Unersetzbarkeit. Gleichzeitig werden h ufig Arbeitskollegen oder Teammitglieder als ungen gend qualifiziert abgewertet.