Transcription of Günther Binding Der gotische Gliederpfeiler
1 G nther Binding Der gotische Gliederpfeiler Als vor 750 Jahren, 1248, der Chor des K lner Doms begonnen wurde, w hlte der Baumeister Gerhard den gerade in einer der reichsten franz sischen Handelsst dte im Bau befindlichen Chor der Kathedrale von Amiens (nach 1233-1264), der die Endstufe der hochgotischen Bauentwicklung in Frankreich darstellte, zum Vorbild, jedoch nur f r den Grundri . Der in Amiens verwendete Rundpfeiler mit Kapitell und vier vorgelegten Dreiviertels ulchen (Abb. 25,26), der sogenannte kantonierte Pfeiler, wie er die Kathedralen von Chartres 1195-1210, Paris 1210/15, Reims 1211-33 und den Chor von Tours vor 1233 pr gt, wurde durch den weiterentwickelten B ndelpfeiler ersetzt (Abb. 1,2), wie er 1231/41 in der Klosterkirche Saint-Denis bei Paris, der Grablege der merowingischen und franz sischen K nige, ausgebildet war.
2 Der B ndelpfeiler mit vier alten und dazwischen jeweils ein (Chorumgang um 1260) oder zwei (Hochchor um 1260/80) jungen Diensten ist die bliche hochgotische Pfeilerausformung, deren dichte Profilgruppen die Pfeileroberfl che in nahtloser Wellenbewegung berziehen und langbahnige, von keinem Gesims berschnittene Dienste an die Hochwand entsenden. 1 Besonders in der deutschen wissenschaftlichen Literatur gilt der "kantonierte Pfeiler als charakteristisch gotisches Element, das um 1200/10 in Chartres entwickelt worden ist (Abb. 20). J rgen Michler nennt als Schl sselfiguren f r das in der klassischen Kathedralgotik ausgebildete ambivalente Strukturprinzip den in Chartres in das Kathedralsystem integrierten "Kantonierten Pfeiler" und das in Reims ausgepr gte "Ma werkfenster".2 Hans Jantzen bernimmt in seiner meisterhaften Formanalyse der gotischen Kathedrale von 19573 die von Viollet-le-Duc4 und Pierre Chabat5 1875 eingef hrte Bezeichnung, wonach ein Pfeiler kantoniert (cantonn ) ist, wenn eine Zentrals ule von vier Wands ulen ( Reims) umgeben ist.
3 Allerdings ist bei Viollet-le-Duc und Chabat die Definition nicht so eng gefa t; auch die von S ulen frei umstellten S ulen ( Laon, Abb. 18) und auch rechteckige Pfeiler mit Vorlagen werden entsprechend genannt (Abb. 3). Lisa Sch renberg spricht bereits 1934 beim Chor von Evron (um 1332) vom "traditionellen kantonnierten Pfeiler".6 Dieter Kimpel und Robert Suckale haben 1985 in ihrem gro en Werk ber 2 "Die gotische Architektur in Frankreich" diese Auffassung best tigt: "Die bekannteste Erfindung des Chartreser Entwerfers ist der kantonierte Pfeiler."7 Und sie fahren fort: "Die Architekten der vorangegangenen zwei Jahrzehnte hatten schon vielfach S ulen mit Diensten verst rkt und umstellt, in Paris, Laon oder Soissons. Dabei bestanden die St tzen entweder aus einer Gruppierung von En-d lit-Diensten (deren Steine vertikal gestellt sind)8 oder aber aus einer Kombination von S ulchen mit einem gemauerten Pfeilerkern.
4 In Chartres sind die Vorlagen aus einem St ck mit dem Kern aufgemauert .. Formal gesehen 'umstehen' diese Dienste den Pfeilerkern nicht mehr, sondern verschmelzen mit ihm. In den Pfeilersockeln, besonders aber in den Kapitellen ist dieses subtile Ambivalenzverh ltnis zwischen Kern und Vorlagen besonders artikuliert: Die durchgehende K mpferplatte betont ihre Zusammengeh rigkeit, die halbierte H he der Dienstkapitelle aber deren Eigenst ndigkeit." Im offiziellen Glossar "Inventaire g n ral des Monuments hei en alle quadratischen oder zylindrischen Pfeiler mit S ulen- bzw. Dienstvorlagen "pilier noyau cantonn au flanqu de colonnes"9. Louis Grodecki und Marcel Aubert bezeichnen die St tzen von Laon, Paris, Soissons, Noyon usw. immer als Rundpfeiler und in Chartres, Reims und Amiens als Rundpfeiler mit vorgelegten S ulen; Nikolaus Pevsner nennt sie ebenfalls Rundpfeiler, erw hnt aber deren S ulenkapitelle.
5 10 Im Franz sischen ist der Begriff abzuleiten von cantonner = zusammenhocken, sich verschanzen, also eine umzingelte S ule, entsprechend wird im Sachs-Villatte (4. Aufl. 1917) bersetzt cantonn = an den Ecken mit S ulen, Pfeilern usw. verziert. Nach der St tzenform, die als "kantonierter Pfeiler" bezeichnet wird, handelt es sich um eine runde oder achteckige, unverj ngte S ule mit gemauertem Schaft, der d nnere S ulen auf vier Seiten, d. h. zum Mittelschiff, zum Seitenschiff und unter den beiden Arkadenbogen, vorgelegt sind. Das ist aber nichts anderes als ein Rund- oder Achteckpfeiler mit Kapitell und Vorlagen entsprechend dem rechteckigen oder quadratischen Pfeiler mit gleichen Vorlagen. Im Deutschen hei t nach dem Duden "kantonieren" Truppen unterbringen (veraltet, aus dem Franz sischen) bzw. "Kantonnement" Truppenunter-kunft.
6 Da dieses bei dem als "kantoniert" bezeichneten Pfeiler nicht gemeint sein kann, wird die aus dem Franz sischen bernommene Be-zeichnung in der Bedeutung mit "Kante" assoziiert, mit der Linie, an der zwei Fl chen aneinandersto en; entsprechend erkl rt Hans Koepf11 "Pfeiler 3 und Mauern, die an den Kanten von Halbs ulen oder Dreiviertels ulen gerahmt werden, nennt man kantoniert"; analog folgt G nther Binding :12 "Pfeiler und Mauern, die an ihren abgeschr gten Kanten Halb- oder Drei-viertels ulen oder Dienste haben", wie wir es bei s chsischen Pfeilern des 12. Jahrhunderts beobachten (siehe unten), wo an die abgefasten Pfeilerkanten Rundst be oder kleine S ulchen gestellt sind. Diese Mi verst ndlichkeit im Deutschen hat Lisa Sch renberg und Wilhelm Schlink veranla t, "kantonniert" entsprechend dem Franz sischen mit zwei "n" zu Andererseits darf ber der Diskussion der rechten Verwendung des Fachausdrucks nicht bersehen werden, da mit der Form der St tze in Chartres und anderen gotischen Kathedralen Frankreichs sich eine Son-derform entwickelt hat, deren Genese nachzugehen sich lohnt und die - so meine ich - durch die Benutzung des Begriffs "kantonierter Pfeiler" berdeckt und verunkl rt wird.
7 Die allzu unspezifische Definition des "kantonierten Pfeilers" und die fehlende Unterscheidung zum Pfeiler mit Vorlagen hat Max Hasak im Handbuch der Architektur 1903 interessanterweise dazu veranla t, den Begriff nicht zu benutzen, sondern bei der Kathedrale von Reims von der "Anlehnung von vier d nnen S ulchen an die gro e runde Kerns ule" zu Er folgt damit Franz Kugler 1859: "Die Schiffpfeiler (von Chartres) haben die Grundform der S ule, regelm ssig mit vier anlehnenden Diensten besetzt, nur in der seltsamen Laune, dass wechselnd je eine Runds ule mit achteckig polygonen Diensten und je eine achteckige mit runden Diensten versehen ist. Die S ule, welche den Kern bildet, hat ihr st rkeres Blattkapit l, jeder Dienst nach dem Verh ltniss seiner Dicke ein minder hohes; doch entbehrt der vordere Dienst des Kapit les ganz und ist nur durch das Deckglied des letztern abgeschlossen.
8 "15 Halten wir uns an den Verfasser, der bald nach 1220 in der Vita Hugos I., Bischof von Lincoln, die Rundpfeiler mit umstellten, in halber H he gewirtelten S ulchen im Chor der 1186-1220 erbauten Kathedrale von Lincoln so beschreibt: "S ulchen, die so die S ulen umgeben, da sie dort eine Art Reigentanz zu feiern scheinen" (Inde columnellae, quae sic cinxere columnas, ut videantur ibi quandam celebrare choream).16 In dieser zeitgen ssischen Quelle wird nicht unterschieden zwischen Pfeiler und S ule, wie wir es heute in einer fachgerechten Terminologie gewohnt sind. Danach mu der Pfeiler, um sich von einem Mauerrest zu 4 unterscheiden, einen K mpfer haben und kann mit einer Basis oder einem Sockel vom Boden abgesetzt sein; sein aus Quadern gemauerter K rper ist im Querschnitt rechteckig, quadratisch, achteckig, rund oder kreuzf rmig und ohne Verj ngung.
9 Dagegen besteht die S ule immer aus Basis, Schaft und Kapitell und tr gt zumeist einen K mpfer. Der in der Regel monolithe, aber auch aus S ulentrommeln zusammengesetzte, hin und wieder verzierte Schaft ist rund, kann aber auch achteckig oder gedreht sein; zumeist nimmt sein Querschnitt zum Hals (Kapitellansatz) hin ab. Pfeiler wie S ulen k nnen der Wand vorgelegt sein und miteinander kombiniert werden. Zeigt der Schaft einer Wands ule einen rechteckigen Querschnitt oder hat der Wandpfeiler ein Kapitell, so spricht man von einem Pilaster, den noch Alberti "columna quadrangula" Ist der Schaft einer Wands ule berm ig gel ngt und unverj ngt, so bezeichnen wir dieses zumeist ein Rippengew lbe aufnehmende Glied als Dienst; der Dienst besitzt in der Fr h- und Hochgotik allgemein eine Basis und ein Kapitell. Die formalen Unterschiede von Pfeiler, S ule, Pilaster und Dienst m ssen bei Untersuchungen ber die Ausformung der gotischen St tze besonders ernst genommen werden, will man die Formfindung und ihre Vorstufen erkennen.
10 Eine genaue Formanalyse macht deutlich, da der mittelalterliche Baumeister ein sehr feines Formgef hl hatte. In den schriftlichen Quellen wurde der Unterschied zwischen Pfeiler und S ule offenbar nicht durchgehend ber cksichtigt; noch Vasari unterscheidet lediglich colomna und colomna quadrata. Im St. Galler Klosterplan (um 820/30) findet sich f r die freistehenden und der Wand angelehnten St tzen ein einheitliches Symbol, das Pfeiler oder S ulen meinen kann und mit co-lumna bezeichnet In der Nachfolge von Vitruvs Zehn B chern ber Architektur bestehen bei Isidor von Sevilla (um 570-636) und Hrabanus Maurus (780-856) die S ulen aus basis, columna und Gervasius von Canterbury sagt 1185 in seiner sehr sorgf ltigen und detaillierten Beschreibung der von ihm miterlebten Bauarbeiten an der Kathedrale von Canterbury (1174-1183):20 Columpnae ecclesiae, quae vulgo pilarii dicuntur, waren durch das Feuer besch digt.