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Qualitative Inhaltsanalyse

Qualitative Inhaltsanalyse Philipp Mayring P dagogische Hochschule Ludwigsburg 1 Einleitung: Definition der Inhaltsanalyse Die Inhaltsanalyse stellt eines der meistgebrauchten Instrumente zur Textanalyse dar. Zur begrifflichen Kl rung m chte ich zu Beginn drei zentrale Definitions- elemente herausstellen (vgl. Lisch & Kriz 1978; Krippendorff 1980; Merten 1983; Mayring 1993a): -Die Inhaltsanalyse hat Kommunikationsmaterial zum Gegenstand, in der Regel in sprachlicher Form, aber auch in visueller oder musikalischer Form. Dieses Kom- munikationsmaterial sollte in irgendeiner Art fixiert vorliegen, als Text, jedoch auch Bilder, Noten 0.. wurden schon inhaltsanalytisch bearbeitet. -Der Grundvorgang ist dabei, da am manifesten Inhalt des Kommunikationsmate- rials angesetzt wird und von hier aus auf weitere Bestandteile der Kommunikation geschlossen wird: der subjektive Bedeutungshintergrund des Kommunikators ( in der Literaturwissenschaft), der emotionale Zustand des Kommunikators ( in der Psychotherapieforschung), die latenten Absichten des Kommunikators ( in der Propagandaforschung), der politische bzw.

-Der Grundvorgang ist dabei, daß am manifesten Inhalt des Kommunikationsmate- rials angesetzt wird und von hier aus auf weitere Bestandteile der Kommunikation geschlossen wird: der subjektive Bedeutungshintergrund des Kommunikators (z.B. in der Literaturwissenschaft), der emotionale Zustand des Kommunikators (2.B.

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1 Qualitative Inhaltsanalyse Philipp Mayring P dagogische Hochschule Ludwigsburg 1 Einleitung: Definition der Inhaltsanalyse Die Inhaltsanalyse stellt eines der meistgebrauchten Instrumente zur Textanalyse dar. Zur begrifflichen Kl rung m chte ich zu Beginn drei zentrale Definitions- elemente herausstellen (vgl. Lisch & Kriz 1978; Krippendorff 1980; Merten 1983; Mayring 1993a): -Die Inhaltsanalyse hat Kommunikationsmaterial zum Gegenstand, in der Regel in sprachlicher Form, aber auch in visueller oder musikalischer Form. Dieses Kom- munikationsmaterial sollte in irgendeiner Art fixiert vorliegen, als Text, jedoch auch Bilder, Noten 0.. wurden schon inhaltsanalytisch bearbeitet. -Der Grundvorgang ist dabei, da am manifesten Inhalt des Kommunikationsmate- rials angesetzt wird und von hier aus auf weitere Bestandteile der Kommunikation geschlossen wird: der subjektive Bedeutungshintergrund des Kommunikators ( in der Literaturwissenschaft), der emotionale Zustand des Kommunikators ( in der Psychotherapieforschung), die latenten Absichten des Kommunikators ( in der Propagandaforschung), der politische bzw.

2 Sozio-kulturelle Hintergrund der Kommunikation ( in den Geschichtswissenschaften), die Wukung bem Empf n- ger der Kommunikation ( in der Analyse von Massenmedien) k nnen so zum Gegenstand einer Inhaltsanalyse gemacht werden. -Der Kernpunkt des inhaltsanalytische Arbeitens, gerade im Gegensatz zu anderen textanalytischen Verfahrensweisen (vgl. Mayring 1992), besteht in ihrem systema- tischen, regelgeleiteten analytischen Vorgehen. Darauf soll im n chsten Punkt n her eingegangen werden. Wichtig ist mir aber hier, zu betonen, da die Inhaltsanalyse dabei von ihrer Tradition und von ihrem heutigen Stand her nicht automatisch quantitativ vorgeht. Man kann sogar sagen, da das gerade ihr Reiz ist, die Integra- tion quantitativer und qualitativer Analyseschntte gut zu erm glichen (vgl. Mayring 1993a). 2 Das grundlegende inhaltsanalytische Umgehen mit Texten Ich m chte nun versuchen, die Grundgedanken inhaltsanalytischen Arbeitens mit Texten herauszuarbeiten.

3 Dazu soll zun chst auf die Geschichte dieses methodi- schen Ansatzes eingegangen werden. 160 Philipp Maynng Geschichte der lnhaltsanalyse Es lassen sich hier im wesentlichen f nf Entwicklungsschritte differenzieren (vgl. dazu Merten 1983): Qualitative Vorl ufer berall dort, wo in hermeneutischen Analysen eine Systematik zugrunde gelegt wurde, kann man von inhaltsanalytischen Vorl ufern sprechen (vgl. Gadarner 1975; Danner 1979). Die von F. Schleiermacher zu Beginn des 19. Jahrhunderts be- schriebenen Methoden der vergleichend-komparativen und hineinversetzend- divinatorischen Methoden der Interpretation sind hier zu erw hnen, ebenso wie die Analyse hermeneutischen Verstehens bei W. Dilthey (1833 - 1911). Aber auch die Versuche der Entwicklung einer Graphologie (Schlu vom Schriftbild auf die Per- s nlichkeit des Kommunikators) am Ende des letzten Jahrhunderts ( Laura Meyer, vgl. Merten 1983) oder die um die gleiche Zeit entwickelte Traumanalyse Sigmund Freuds lie en sich f r diesen, von Merten (1983) als intuitive Phase bezeichnete Entwicklungsschritt anf hren.

4 Quantitative Vorl ufer Schon im 7. Jahrhundert finden sich in Pal stina Worth ufigkeitsanalysen des Alten Testaments (vgl. Merten 1983). Im 18. Jhd. wurden in Schweden die H ufigkeit religi ser Schl sselbegriffe in lutherischen und pietistischen Texten verglichen, um deren Rechtgl ubigkeit zu berpr fen. In der zweiten H lfte des 19. Jhd., mit der Entwicklung auflagenstarker und einflu reicher Zeitungen, treten dann vergleichende Zeitungsanalysen hinzu, bei denen bestimmte Themen nach der Artikelfl che vermessen und verglichen werden (Merten zitiert hier eine Arbeit von Speed 1893). Auch Trends, wie die Zunahmen rei erischer gegen ber seri ser Berichte, werden so herausgefunden. Fast hellseherisch zu bezeichnen sind hier die u erungen Max Webers auf dem Ersten Deutschen Soziologentag: ".. wir werden nun, deutlich gesprochen, ganz banausich anzufangen haben damit, zu messen, mit der Schere und dem Zirkel, wie sich denn der Inhalt der Zeitungen in quantitativer Hinsicht verschoben hat.

5 Es sind erst die Anf nge solcher Untersuchungen vorhanden .. und von diesen Anf ngen werden wir zu den qualitativen bergehen" (Weber 1911 nach Merten 1983, 37). Fundierung der modernen Methodik In den 20er und 30er Jahren werden die Grundlagen einer quantitativ orientierten Inhaltsanalyse geschaffen. Die Analyse der Massenmedien (nun auch Film und H r- funk), durch das 'Bureau of Applied Social Research' an der Columbia-Univer- sity (Paul F. Lazarsfeld) und die Auswertung von Feindpropaganda im 2. Weltkrieg ('Experimental Divison for the Study of War Time Communication', Harold D. Lasswell) haben hier entscheidenden Anteil. Es sind die Konzepte der Analyse- einheiten, des Kategoriensystems und der Interkoderreliabilit t ausgearbeitet Qualitative Inhaltsanalyse 161 worden, es ist der Name 'Content Analysis' daf r eingef hrt worden. Diese Entwicklung m ndet in dem ersten Lehrbuch der quantitativ orientierten Inhaltsanalyse von B.

6 Berelson (1952). Interdisziplin re Erweiterung und Differenzierungen In der folgenden Zeit wurde die Inhaltsanalyse entscheidend ausgeweitet (vgl. Pool 1959; Gerbner, Holsti, Krippendorff, Paisley & Stone 1969; Holsti 1969): Es wurde ein umfassenes Kommunikationsmodell zugrundegelegt, um zu pr zisieren, was Gegenstand und Ziel der Analyse ist. Die Analyse auch non-verbaler Gehalte wurde mit einbezogen. Die Techniken wurden verfeinert ( Kontingenzanalysen und Bewertungsanalysen). Erste Ans tze zu Computerprogrammen wurden entwickelt. Die verschiedensten Disziplinen fanden nun Interesse an der Inhaltsanalyse als um- fassender Kommunikationsanalyse ( Geschichte, Kunst, Literatur, Psychologie). In dieser elaborierten Form fand die Inhaltsanalyse dann auch breite internationale Aufnahme, wurde zum Standardinstmment empirischer Kornmunikationsforschung, f hrte aber auch in eine gewisse Stagnation durch ihre vorwiegend quantitative Orientierung.

7 Die Qualitative Wende Schon fr h regte sich Kritik an dieser quantitativen Einseitigkeit. Mangelnde ganzheitliche Interpretation und Beschr nkung auf den manifesten Inhalt der Kommunikation (Kracauer 1952), Vernachl ssigung einmaliger oder seltener Textbestandteile und Vernachl ssigung des Textkontextes (Ritsert 1972) waren dabei wesentliche Argumente. Die Vorschl ge, die hier nun in den letzten Jahrzehnten gemacht wurden, gehen in Richtung einer fundierteren Begr ndung quantitativer Analyseschritte und Erg nzung des Verfahrens um Qualitative Analyseschritte. So entwickelt Ritser! (1972) ein inhaltsanalytisches Ablaufschema, in dem die theoretische Fundierung der Kategorien eine entscheidende Stellung innehat. Rust (1980) fordert vor allem eine Retotalisierung vorher analytisch zerst ckelnd ausgewerteter Einzelaspekte auf gesellschaftlich-kulturellem Hintergrund.

8 F hlau (1982) ist um eine st rkere linguistische Fundierung, besonders die berwindung einer simplen behavioristischen Bedeutungstheorie bestrebt. Mostyn (1985) will in ihrem Ansatz qualitativer Inhaltsanalyse eine Integration von Hypothesenkonstruktion aus dem Material heraus und der Hypothesen ber- pr fung am Material in einem an Glaser und Strauss (vgl. Punkt ) erinnernden Verfahren. Vorderer und Groeben (1987) versuchen latente Textgehalte (hier: ideologische Elemente) intersubjektiv abgesichert, auch quantitativ, fa bar zu machen. Solche Bestrebungen reihen sich ein in die Bem hungen der letzten Jahre, eine simple Dichotomisierung quantitativ - qualitativ zu berwinden sowie nach Erweiterungs- und Inegrationsm glichkeiten zu suchen (vgl. Mayring 1993b). 162 Philipp Mayring Grundbegriffe der Inhaltsanalyse Es ist bereits deutlich geworden, da das systematische, regelgeleitete Vorgehen bei der Textanalyse wohl das zentrale Kennzeichen der Inhaltsanalyse ist.

9 Worin besteht nun diese Systematik? Ich m chte vier Grundaxiome hier anf hren: - Das schrittweise Vorgehen der Analyse ist dabei als erstes zu nennen. Das Vorgehen folgt einem vorher festgelegten Ablaufmodell, in dem die entscheidenden Schritte beschrieben sind; dadurch wird die Inhaltsanalyse intersubjektiv nachvollziehbar und hebt sich so ab von ( unter bestimmten Bedingungen durchaus legitimen) offeneren Verfahren freier Textinterpretation. - Das zentrale Instrument der Inhaltsanalyse sind ihre Kategorien. Im Kategoriensystem werden die Aspekte operationalisiert. die im Material ausgewertet werden sollen. Mit ihnen wird das Material durchgearbeitet. Sie stellen die Zinken eines Rechens dar, mit dem das Material bearbeitet wird und an denen dann bestimmte Materialteile h ngen bleiben (ein Bild von Carney 1972). Das Kategoriensystem sollte m glichst theoretisch fundiert sein und sollte m glichst eindeutige Materialzuordnungen erlauben (vgl.)

10 Dazu Lisch 1978). Dieser zentrale Zuordnungsproze von Materialbestandteilen zu Kategorien wird Kodierung genannt. - Vorher festgelegt werden auch die inhaltsanalytischen Analyseeinheiten. Vor allem drei Einheiten werden hier unterschieden: Die Auswertungseinheit legt fest, welche Textteile (W rter, S tze, Abs tze, Seiten, F lle) jeweils nacheinander kodiert werden. Die Kodiereinheit legt fest, was der kleinste Materialbestandteil ist, der ausgewertet werden darf, der unter eine Kategorie fallen kann. Die Kontexteinheit schlie lich legt den gr ten Textbestandteil fest, der unter eine Kategorie fallen kann. - Schlie lich ist die Bewertung der Analyseergebnisse anhand von G tekriterien ein zentrales Merkmal inhaltsanalytischen Vorgehens. Dabei stand von Beginn der modernen Technikentwicklung an die interkoderreliabilit t an erster Stelle: Die Analyse wird von mehreren Auswertem unabh ngig vorgenommen und ein Index errechnet, wie stark die Ergebnisse bereinstimmen (vgl.


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