Transcription of Unser Stephansdom
1 VEREIN ZUR ERHALTUNG DES STEPHANSDOMS, 1010 WIENNr. 95 / M RZ 2012 UnserStephansdomWohl keine andere Kathe-drale der Welt ist so pr -gend f r das Stadtbild einer Gro stadt wie der Stephansdom f r Wien. Dominante und Besonderheit ist der schlanke und hohe Turm, aber fast ebenso imposant ist das hohe, bunt gemusterte Dach. Diese au ergew hnliche Erscheinung steht im Gegensatz zu den blichen L sungen der Gotik. Die klassische gotische Kathedrale hat niedrige Sei-tenschiffe und ein hohes Mittelschiff, die jeweils von einzelnen, eher nied-rigen, flachen D chern bedeckt wer-den. Das pr gende Merkmal ist die durchfensterte Wand des erh hten Mittelschiffes.
2 St. Stephan hat im Chor eine reine Hallenform mit drei gleich hohen Schiffen, im Langhaus eine sogenann-te Staffelhalle mit einem leicht erh h-ten Mittelschiff, das aber keine eigenen Fenster besitzt. Das Dach muss also alle drei Schiffe berspannen. Aus der gewaltigen Breite des Daches ergeben sich aber auch statische Herausforde-rungen: Die Konstruktion dieser Gr - e bietet eine beachtliche Fl che, auf der sich Schnee ansammeln kann. Auf-grund der klimatischen Verh ltnisse in Wien eine beachtliche zus tzliche Last, die eine sehr massive Konstruktion er-fordern w rde. Die Schneelast kann aber durch ein steiles Dach, an dem der Schnee abrutscht, verringert bzw.
3 Vermieden werden. Die steile und hohe Form erh ht dar -ber hinaus die Stabilit t der Konstruk-tion, die die gewaltige Spannweite von ber 33 Meter hat. Andererseits ergibt sich eine gro e Windangriffsfl che, die Windkr fte konnten aber von der elas-tischen und stabilen Holzkonstruktion des Mittelalters wie auch von der neu-en Stahlkonstruktion die hnliche Eigenschaften aufweist gut abgefan-gen werden. DAS DACH VON ST. STEPHANDOMBAUMEISTER ARCH. DI WOLFGANG ZEHETNERB urgund mit seinem gemusterten Dach entstand etwa zur gleichen Zeit, erreichte aber bei weitem nicht die Gr e des den historischen Abbildungen d rfte nur das Langhaus, nicht aber der niedrigere Chor mit dem Ziegelmuster gestal-tet gewesen sein.
4 Wie oft die Dachziegel erneuert werden mussten, k nnen wir nicht mit Sicherheit sagen. Auch wenn keine Neueindeckung berliefert ist, wird wohl beim Erdbeben von 1590 und bei der T rkenbelagerung 1683 auch das Dach erheblichen Schaden genommen haben und ausgebessert worden sein. Unter Kaiser Joseph II. wurde die Dachdeckung umfang-reich repariert oder ber-haupt erneuert. Seit damals ist auch das Chordach orna-mental gestaltet und trug an der Nordseite die Jahreszahl 1784. der bunten Ziegel. Die Theo-rie, dass der Stephansdom mit gr nen Ziegeln in der Farbe Ungarns unter der Herr-schaft des Ungarischen K nigs Matthias Corvinus in Wien eingedeckt wurde, ist nicht haltbar.
5 Zwar sind die gr nen Ziegeln die h ufigsten, aber eine einheitliche gr ne Far-be kann man dem Stephans-domdach nicht zusprechen. Die Urheberschaft Matthias Corvinus scheint auch aus historischen Gr nden nicht berzeugend (er beherrschte die Stadt nur zwischen 1485 und 1490, also erst nach der detem Kupfer gestaltet. Eine bersetzung dieser wert-vollen Kleinarchitekturen in den gro en Ma stab eines Domes war damals zwar auf-w ndig, muss aber die Zeit-genossen sehr beeindruckt haben, da Privath user meist mit Schindeln oder gar Stroh gedeckt waren. Wegen der geringen Zahl an so kostbar gestalteten D chern ist es schwer, Vergleichsbeispiele zu finden: Das ber hmte h tel dieu (Spital) von Beaune in Nr.)
6 95 / M RZ 2012 Unser StephansdomAu ergew hnlich: Farbig glasierte DachziegelAus diesen sachlich-statischen Gr nden ergab sich eine riesige Dachfl che, die weithin sichtbar das Stadtbild pr gte und bis heute pr gt. Eine so gro e einheitlich gef rbte Dachfl che aus roten Dachziegeln oder Schindeln h tte die Balance des Stadtbildes gest rt und dem feingliedrigen gotischen Charakter des Domes widersprochen. Die f r die Errichtungszeit neuartige L sung war die Musterung des Daches durch farbig gla-sierte Ziegel, die au erdem eine wesentlich l n-gere Lebensdauer haben als unglasierte. Die uns vertraute Form erhielt St. Stephan um die Mitte des 15.
7 Jahrhunderts. 1433 wurde der S dturm fertiggestellt, der Dachstuhl um 1440 errichtet. Bis 1945 hat-te sich eine Inschrift mit dieser Jahreszahl an einem Balken des Dachstuhles erhalten. 1449 wurden Ziegel f r die Deckung geliefert; vielleicht handelte es sich dabei nur um Proben, um die geeignete Gla-sur und m gliche Farben zu testen. Um 1470 war das Dach in seiner gemusterten Form je-denfalls fertig: Die Abbildungen des Schottenaltars, der zwischen 1469 und 1475 entstanden ist, zeigen mehrmals die Stadt Wien als Hintergrund des biblischen Heilsgeschehens und dabei na-turgem auch St. Stephan mit dem charakteristischen Dach.
8 Schnell setzte sich diese Art der Darstellung durch: In meh-reren Fl gelalt ren wurde als Hintergrund f r Die Jahreszahl 1784 an der Nordsei-te des Chordaches. Thomas Charles Naudet, Ausschnitt aus der Feder-zeichnung: Einzug der Franzosen in Wien, 1805 Wien Kreuzigung Christi nicht Jerusalem, son-dern Wien erkennbar an Turm und Dach des Domes gew hlt, etwa am Altar von Medi-asch in Siebenb rgen oder am Altar von St. Florian in Ober sterreich. Das gemusterte Dach wurde generell zum Er-kennungszeichen von Dom und Stadt Wien: Am Stammbaum der Babenberger im Stift Klos-terneuburg, an den Stadtansichten der fr hen Neuzeit, wird das Muster mehr oder weniger ge-nau, aber immer erkennbar wiedergegeben und geh rt bis heute zur klassischen Stadtansicht Wiens.
9 Neben den sthetischen berlegungen gab es aber noch andere Gr nde f r die Verwendung Von den historistischen Erhaltungs- und Erneue-rungsma nahmen des 19. Jahrhunderts war das Dach relativ fr h betroffen: 1831 wurde das Dach neu gedeckt. Das S dliche Chordach wur-de mit dem Doppeladler und der Jahreszahl, das N rdliche mit dem doppelten Kreuz und der Jahreszahl gestaltet. Dieses heute noch sichtbare Bild macht die mehrfache Funktion von St. Stephan sehr anschaulich deutlich: Der Dom ist nicht nur Sitz des Bischofs (ausgedr ckt durch das Kreuz), son-dern auch Mittelpunkt und Wahrzeichen des gesamten Landes (ausgedr ckt durch das damalige Staatswappen mit dem Doppeladler).
10 Die Jahreszahl 1831 mit dem Doppeladler an der S dseite des Chordaches eine aktuelle Auf-nahme. H tel dieu (Spital) von Beaune in Bur-gund, mit bunt glasierten : Der alte Dachstuhl aus L rchenholz. Rechts: Brandschutzimpr gnierung des Dachstuhles ca. Gesamtansicht des Daches von St. Stephan aus der Stadtpanorama mit dominierendem Stephansdom in der Mitte, Hintergrund des Bildes Flucht der Heiligen Familie nach gypten , Detail des Wiener Schottenaltars, um 1470/80, Schottenstift, Wiens, aus dem Babenberger Stammbaum , um 1490, Stiftsmuseum Klosterneuburg. Fertigstellung des Domdaches), wenn-gleich berliefert ist, dass unter seiner Be-setzung Wiens Arbei-ten am Dom durchge-f hrt wurden.