Transcription of Beobachten und Dokumentieren
1 Gerd E. Sch fer: Einf hrung in p dagogisches Wahrnehmen und DenkenWS 2004/2005 Beobachten und DokumentierenKinder Beobachten hei t, Kindern mit Aufmerksamkeit Beobachten ? Der Stellenwert von Beobachten und Dokumentierenin der Bildungsvereinbarung NRW Die Grundlage f r eine zielgerichtete Bildungsarbeit ist die beobachtende Wahrnehmungdes Kindes, gerichtet auf seine M glichkeiten und die individuelle Vielfalt seiner Hand-lungen, Vorstellungen, Ideen, Werke, Probleml sungen u.. , so lautet ein Auszug aus derVereinbarung ber die Grunds tze der Bildungsarbeit der Tageseinrichtung f r Kinder .Dieser Bestandteil der Vereinbarung und die Verunsicherung dar ber, welche Form der be-obachtenden Wahrnehmung zur zielgerichteten Bildungsarbeit f hren k nnte, tr gt zurZeit zur explosionsartigen Entwicklung von Beobachtungsb gen in der Tr gerlandschaft ber hinaus verlangt die Vereinbarung, dass Beobachtung und Auswertung von derp dagogischen Fachkraft notiert und als Niederschrift des Bildungsprozesses des einzelnenKindes dokumentiert werden.
2 Die Qualit t von Beobachtungsverfahren wird sich daran messen lassen m ssen, ob sie ge-eignet sind, die Komplexit t von Bildungsprozessen bzw. wie sich die Bildungsvereinbarungausdr ckt: die individuelle Vielfalt .. [der] Handlungen, Vorstellungen, Ideen und Pro-bleml sungen von Kindern festzuhalten. Die Versuchung ist gro , angesichts des Hand-lungsdrucks seitens der Tr ger, der Schule und der Politik auf Beobachtungsb gen oder Ein-sch tzskalen zur ckzugreifen, die sich nur auf Ausschnitte kindlicher Entwicklungslinienkonzentrieren, die jedoch die eigentliche Bildungsleistung des Kindes nicht beschreibenk hei t Beobachten ? beginnt mit der Frage: Was nehme ich wahr?Um zu erfassen, was Kinder zur Unterst tzung ihrer Bildungsprozesse brauchen, m ssenP dagoginnen die Kinder kennen lernen . Dies geschieht dadurch, dass sie diese in ihrem All-tag aufmerksam wahrnehmen und sich auf das einlassen, was sie tun und m glicherweisedenken.
3 Diesem Ziel dient Beobachten im hier verstandenen Zwei Formen der Beobachtung Dabei m ssen zwei Formen von Beobachtung unterschieden werden, eine mit gerichteterund eine mit ungerichteter Beobachtung mit gerichteter AufmerksamkeitDie gerichtete Beobachtung zielt auf Verhaltensweisen und Verhaltensbereiche, die be-reits bekannt und theoretisch abgesichert sind. 1 Beobachten und DokumentierenIhr entsprechen die meisten Frageb gen oder Einsch tzskalen. Mit ihrer Durchf hrung solldie Qualit t dieser Verhaltensweisen eingesch tzt und beurteilt werden. Sie richtet sich da-her auf etwas, was man von Kindern wei , oder besser, zu wissen glaubt. Im besten Fall istdieses ein wissenschaftlich konstruiertes Modellkind und das Instrumentarium berpr ft,inwieweit dieses oder jenes konkrete Kind hinsichtlich eines bestimmten Verhaltens dem Modellkind entspricht. Hier ein Beispiel f r ein solches Modellkind : Zur Zeit wird von einigen Fachleuten die Theorie vertreten, dass Kinder das lernen lernen indemsie dar ber nachdenken, wie sie gelernt haben.
4 Dieses Modell vom Kind versteht Kinder als Men-schen, die bewusst nachdenken. Das Problem einer solchen Konstruktion liegt nicht darin, dasssie auf etwas aufmerksam macht auf das Nachdenken als Aspekt des lernen Lernens -, son-dern in dem, was sie ausl sst. Sieht man entlang einer Theorie die Kinder im wesentlichen alsrational denkende Kinder an, dann l sst man eine ganze Menge von Aspekten aus, die Kinder,Kindsein und kindliches Denken ausmachen. Man erfasst dann nicht, was Spiel,Ged chtnis,Emotionen und anderes mehr, f r das lernen des Lernens bedeuten. Achtet man beispielsweisebeim Beobachten nur auf dieses Modell, dann entdeckt man vielleicht alle Hinweise auf ein Nach-denken des Kindes ber lernen , achtet aber nicht auf seine sonstigen Gedanken und Beobachtung mit ungerichteter AufmerksamkeitZum Erfassen kindlicher Bildungsprozesse hingegen wird ein ungerichtetes Beobachten be-n tigt. Der Beobachter will nichts Bestimmtes wissen, sondern er ist bereit wahrzunehmen,was Kinder indirekt oder direkt ber sich, ihre Erlebnisse und Gedanken mitteilen.
5 Un-gerichtetes Beobachten versucht all das zu erfassen, was die Aufmerksamkeit des Wahr-nehmenden erregt. Es ist offen f r berraschungen. berraschungen in den Wahrneh-mungen sind ein wichtiges Ziel dieser Form der Beobachtung. Man ist berrascht, wenn einVerhalten von den Erwartungen abweicht. Diese Form der Beobachtung sucht nicht nach bereinstimmungen des individuellen Kindes mit einem wissenschaftlichen oder privaten Modellkind , sondern nach Besonderheiten individueller Kinder. Insofern ist diese Formder Beobachtung auch kein Ergebnis der Anwendung von vorgefertigten Instrumentarien,Einsch tzskalen oder Tests, sondern ein Gewahrwerden mit den sinnlichen und emotionalenM glichkeiten der Wahrnehmung, die der jeweiligen Erzieherin zur Verf gung wird von einem wahrnehmenden Beobachten gesprochen. Aus einem wahr-nehmenden kann ein entdeckendes Beobachten werden, wenn es mit Nachdenken ver-bunden wird.
6 Ein wahrnehmendes, entdeckendes Beobachten kann gezielt eingesetzt werden. Daf r nimmtman sich Zeit, um sich in einem kleinen Zeitabschnitt das k nnen f nf, zehn oder zwanzigMinuten sein aus dem allgemeinen Gruppengeschehen zur ckzunehmen und aufmerksameinzelne oder mehrere Kinder bei ihrer T tigkeit auf sich wirken zu lassen. Es ereignet sich aber auch spontan, wenn irgend etwas im allt glichen Ablauf die Aufmerk-samkeit der Erzieherin auf sich zieht und sie auf das neugierig wird, was sich gerade den meisten F llen wissen wir nicht, wie Kinder denken, was sie sich vorstellen, welcheBilder und Theorien sie verwenden, um sich ihre Wirklichkeit verst ndlich zu machen. Umdaher etwas von ihren individuellen Bildungsprozessen zu erfassen, um zu entdecken, wasdie Ausgangspunkte und Verarbeitungswege der Kinder sind, ben tigen wir offene Formender Wahrnehmung und Beobachtung.
7 2 Gerd E. Sch fer: Einf hrung in p dagogisches Wahrnehmen und DenkenWS 2004/2005 Ungerichtetes Beobachten : Beobachten , damit man mehr sieht damit man sieht, was man nochnicht kann diese Art der Beobachtung unterst tzen, indem man durch Beobachtungshilfeneinerseits auf m gliche Wahrnehmungsbereiche aufmerksam macht, die aus der Beobach-tung nicht ausgeschlossen werden sollten. Andererseits sollen diese Hinweise ganz aus-dr cklich allzu feste Vorstellungen von gerichteter Beobachtung sprengen helfen. Indiesem Sinne sind die folgenden Vorschl ge zu Beobachten ?1 Die Aufmerksamkeit liegt zun chst einmal auf den unterschiedlichen Sinnesbereichen, mitderen Hilfe wahrgenommen wird. Dabei sollte kein Sinnesbereich von vorne herein aus derWahrnehmung ausgeschlossen werden. Jeder dieser Wahrnehmungsbereiche tr gt unter-schiedliche Information ber das wahrgenommene Geschehen bei. Die Informationen sindam umfangreichsten und vollst ndigsten, wenn alle Wahrnehmungsbereiche daraufhinbefragt werden k nnen, welche Informationen sie ber das Gesamtgeschehen ausgew hltund beigetragen haben.
8 Wenn dabei auch die emotionale Wahrnehmung ber cksichtigtwird, dann bedeutet dies zun chst einmal nur, sich dar ber klar zu werden, welche Gef hlemit im Spiel waren. Gef hle enthalten wichtige Informationen ber die Beziehungen, die dasbeobachtete Geschehen pr gen. Dabei sind diese Beziehungen und ihre Gef hlsqualit t ersteinmal bewusst zu bemerken, bevor daraus wertende Urteile gezogen werden. k nnten sein: Was sehe ich? Was h re ich? Was empfinde ich ber meine K rperwahrnehmungen? Was f hle ich (Emotionen)? oder was wird beobachtet?Beobachtet wird in Alltagssituationen, wie sie sich in einer mehr oder weniger p dagogischvorweg strukturierten Umgebung abspielen. Dabei richtet sich die Aufmerksamkeit auf: einzelne Kinder Kindergruppen die eigene Beteiligung der Erzieherin oder anderer Erwachsener; die Rahmenbedingungen, in die das beobachtete Geschehen eingebettet folgenden Fragen und Stichworte sind als vorl ufig und keineswegs ersch pfend anzusehen.
9 Sie dienenals Anhaltspunkte daf r, worauf sich ein offenes Beobachten richten kann. 3 Beobachten und Dokumentieren4 Was bringt wahrnehmendes, entdeckendesBeobachten der Erzieherin? Beobachten sensibilisiert die Erzieherinf r die Prozesse der eigenen Wahrnehmung und ihreremotionalen , entdeckendes Beobachten bedeutet, in das Geschehen mit einzutauchenund empathisch mit dabei zu sein. Empathisch mit dabei sein verlangt, sich selbst mitwahrzunehmen. Wahrnehmen geschieht ber alle Sinnesbereiche (Fernsinne, K rpersinne,Gef hle) gleichzeitig. Man nimmt wahr, was man als bedeutungsvoll erlebt. Dabei sind es die Gef hle, welche die Aufmerksamkeitsrichtung der Beobachterin und desBeobachters lenken. Diese Gef hle h ngen eng mit den Lebenserfahrungen der eigenen Bio-grafie zusammen. Die Beobachterin sollte sich immer wieder ins Bewusstsein rufen, in-wiefern ihre Aufmerksamkeitsrichtung etwas mit ihren eigenen Lebenserfahrungen zu tunhat.
10 Deshalb hilft es der p dagogischen Arbeit, wenn man sich klar werden kann, wo eigeneSt rken und Schw chen , entdeckendes Beobachten sensibilisiertdie Erzieherin f r die , entdeckendes Beobachten nimmt nicht isolierte Dinge oder Ereignissewahr, sondern Zusammenh nge und Beziehungen. Dieses k nnen verschiedene Formen vonBeziehungen sein: Beziehungen der Kinder untereinander; Beziehungen der Kinder zu ihren T tigkeiten und den damit verbundenen Materialienoder Gegenst nden; Beziehungen von Kindern zu Erwachsenen und umgekehrt von Erwachsenen zuKindern; Beziehungen der Beobachterin zu Kindern, Gegenst nden, Prozessen, die beobachtetwerden, wie auch zu anderen Erwachsenen, die sich an den Szenen sein sollte, dass auch Beobachten eine Form der Beziehung ist, die zu den Kindern auf-genommen wird. Deshalb kann man Beobachten nicht in eine Technik verwandeln und diem glichen Fragen und Probleme nur als methodisch-technische Probleme Wahrnehmen bedeutet also nicht, eine distanzierte Haltung zum Kind aufzu-bauen.