Transcription of Jugendsprache - gpp-ev.de
1 Jugendsprache 1. Einleitung Im t glichen Umgang mit den Jugendlichen sind wir h ufig mit deren Eigenarten im Sprachstil konfrontiert. Dabei kann es durchaus vorkommen, dass einige Ausdr cke f r Erwachsene zun chst nicht verst ndlich sind. Doch auch nicht-deutsche Jugendliche, die noch nicht sehr lange in Deutschland leben, k nnen in Einzelf llen an einer Sprachbarriere scheitern, indem sie spezielle jugendsprachliche Ausdr cke nicht verstehen. So konnte ein ausl ndischer Jugendlicher wenig damit anfangen, als ihm zwei Mitbewohner klarmachten, dass er in seiner neuen Schule viele Schw rer um sich haben w rde. Damit war gemeint, dass es dort viele Jugendliche gibt, die sehr umgangssprachlich sprechen und viele S tze mit ich schw r schlie- en, gewisserma en zur Bekr ftigung ihrer Aussage. Ebenfalls ratlos erkundigte sich neulich ein M dchen afrikanischer Herkunft bei mir, was unter Opfer-Schuhen zu verstehen sei. Als solche hatten zwei M dchen abf llig ihre Schuhe bezeichnet, woraufhin sie nichts entgegnen konnte, da sie die Bedeutung des Wortes nicht verstand.
2 Die bersetzung des Wortes in ihrem Franz sischlexikon konnte ihr keine Klarheit verschaffen. Dieses Beispiel macht deutlich, dass Jugendsprache auch unter Gleichaltrigen unterschiedlich interpretiert und verstanden wird, sowie Unverst ndnis und Missverst ndnisse hervorrufen kann. 2. Definition von Jugendsprache Jugendsprache ist keine gruppenspezifische und somit keine eigenst ndige Sprache. Es stellt keine homogene Variet t des Deutschen dar; vielmehr kann man es als spielerisches Sprach- gef ge bezeichnen, welches bestimmte Merkmale aufweist und aus unterschiedlichen Beweg- gr nden verschiedener Gruppierungen Jugendlicher entstanden ist und sich fortw hrend ver- ndert. Sie setzt die Standardsprache voraus, wandelt sie sch pferisch ab, stereotypisiert sie zugleich und pflegt spezifische Formen ihres sprachlichen Spiels. 1. Daher kann man nicht von der Jugendsprache an sich sprechen, sondern von verschiedenen Sprachvariet ten, die sich durch verschiedene Einfl sse ergeben und sich gegenseitig mehr oder weniger stark beeinflussen.
3 H ufig wird Jugendsprache auf bestimmte Ausdr cke redu- ziert, die sich vom lexikalischen deutschen Wortschatz abheben. W rter wie endgeil oder chillig heben sich deutlich vom Sprachschatz eines Erwachsenen ab. Worte wie sch n oder entspannend w rden hingegen nicht auffallen, da sie der erwachsene Zuh rer selbst gebraucht. Durch diese Selektierung der Sprache von Jugendlichen entsteht ein sehr subjek- tiver Eindruck von der Jugendsprache , die als solche nicht existiert. 3. Geschichte der Jugendsprache Bereits im 16. Jahrhundert wurden Jugendliche und ihre Sprache erforscht. Als Vorl ufer der Jugendsprache k nnte man die so genannten Studenten-, Penn ler-, Gauner- und Soldaten- sprachen bezeichnen. 1 Henne 1986, S. 208. 17. Ihre Wurzeln findet die Studentensprache w hrend der Reformation, deren Entwicklung eine freiere Ordnung, verbunden mit gr erer Selbst ndigkeit unter den Studenten schuf. Aus die- sen Ans tzen entwickelte sich bald die so genannte Burschensprache , die eine Gemeinschaft zwischen den Studenten deutlich machte.
4 Spezielle Ausdr cke beinhalten Studium und Alltag. W rter wie einschreiben , schw nzen , pumpen , sind Ausdr cke, die aus dieser Zeit her- r hren. Im Gegensatz zu heute richteten die damaligen Forscher ihr Augenmerk in erster Linie auf die Sprache der M nner und den akademisch orientierten Teil der Jugend. Im 19. Jahrhundert entwickelte sich eine ausgepr gte Sondersprachenforschung, die auch die Jugendsprache unter die Lupe nahm. Die Sch lersprache bernahm eine Mittlerfunktion, die der Verbreitung, Festigung und Umdeutung der Sondersprachen diente. Alle diese historischen Sprachen k nnen als Vorl ufer der heutigen Jugendsprache gesehen werden. Die Sprache der heutigen Jugend konnte sich dennoch erst entwickeln, als sich durch gesellschaftliche Umgestaltung im 18. und 19. Jahrhundert die Jugend als sozial relevante Institution durch- setzte. 2 Bis zu dieser Zeit wurde die Jugend noch nicht als ein eigenst ndiger Entwicklungsab- schnitt mit entwicklungstypischen Problemen gesehen.
5 Im Gegensatz zu heute wurde den Jugendlichen in der damaligen Zeit ein minder gro er Schutzraum zugestanden. Im 20. Jahrhundert entwickelte sich die Forschung weiter und es wurde begonnen, Jugend- sprache zu definieren und zu kategorisieren. Sowohl die Linguistik als auch die Psychologie befasste sich mit den Problemen, welche die Jugendlichen durch ihre Sprache ausdr cken wollten. Die Entwicklungspsychologie sah in den Sprachbem hungen der Jugendlichen eine Hilfe zur Identit tsbildung, sowie den Ausdruck eines kollektiven Selbstwertgef hls, das vor- sah, sich gemeinsam von den Erwachsenen abzugrenzen. 3. Die bewusst angestrebte Andersartigkeit f hrte dazu, dass sich die Jugendlichen zu einer gro- en imagin ren Gruppe zusammenschlossen, um gegen die Erwachsenen zu protestieren , beziehungsweise sich von ihnen abzugrenzen. Im Laufe der Zeit unterlag die Jugendsprache unterschiedlichen Zeitstr mungen und Einfl s- sen. Nach 1945 beispielsweise, also nach dem Zweiten Weltkrieg, stand die Sprache der Jugend unter gro em Einfluss der britischen und amerikanischen Popkultur.
6 W hrend der 60er Jahre nahm durch die aufstrebende Popkultur eine Nutzung von Anglizismen in der deutschen Sprache zu, was damals als Zeichen f r Progressivit t stand. Die 68er Generation pr gte durch die damalige Linkspolitisierung ebenfalls die Jugendkultur und somit auch die Sprache der Jugend. So erhielten einige politisch gepr gte Ausdr cke Einzug in die Umgangssprache. Erst ab Mitte der 80er Jahre entwickelte sich die Jugendkultur in eine kaum noch von politischem Interesse beherrschte Richtung. Jugendgruppierungen entstanden um Musik, Sport, Freizeit- gestaltung und Mode ( Techno, Hip Hop, Skateboard, Computer). Heute besch ftigt sich die Jugendforschung vor allem mit den Subkulturen (Jugendszenen) und ihren speziellen Spra- chen sowie mit den Einfl ssen, denen diese unterworfen sind, beispielsweise den Medien. 4. Die Ausdrucksfunktion von Jugendsprache W hrend der Jugendzeit stehen die Jugendlichen vielen entwicklungsaufgaben gegen ber und befinden sich in der Umbruchphase, sozusagen in einem st ndigen Ver nderungsprozess.
7 In der Gruppe, unter Gleichaltrigen, neigen Jugendliche dazu, nicht nur sich selbst zu ver ndern, bzw. anzupassen, sondern auch ihre Sprache, die ja ihr Lebensgef hl vermitteln soll. Dies 2 Bluhm 2003, S. 217. 3 Androutsopoulos 1998, S. 35. 18. erfolgt meist mit der Absicht, sich von der Welt der Erwachsenen abzugrenzen und innerhalb der Gruppe eine gewisse Solidarit t aufzubauen. Helmut Henne nennt dies den Prozess der pers nlichen Sprachprofilierung . Er bezeichnet diesen als spezifisches Merkmal der Jugend- phase und spricht in diesem Zusammenhang von einem so genannten Jugendton , der dieser Profilierung Seiner Meinung nach ver ndern und erweitern Jugendliche die Standard- sprache, indem sie W rter und Begriffe spielerisch umbenennen und neu kreieren. Sprache im Allgemeinen und somit auch die Jugendsprache erf llt unterschiedliche Ausdrucks- funktionen. Susanne Augenstein unterscheidet hiermit zwischen folgenden Funktionen: Sprache dr ckt individuelle Dispositionen eines Sprechenden aus (etwa Wut, Trauer, Furcht oder Freude).
8 Dr ckt die regionale Herkunft des Sprechenden aus. dr ckt die soziale Herkunft von Sprechenden als Mitglieder sozialer Gruppen aus. dr ckt die situativen Anfordernisse und M glichkeiten von Sprechenden Jugendsprache in drei verschiedenen Ebenen Die Jugendsprache findet in drei verschiedenen Ebenen statt, die unterschiedlichste Aufgaben und Funktionen haben. Diese drei Ebenen k nnen sich aber auch gegenseitig in der Sprache beeinflussen und im Wortschatz der Jugendlichen vermischt auftreten. Nach der Theorie von Susanne Augenstein unterscheidet man zwischen folgenden Ebenen: Die Gro gruppe Jugend Sie dr ckt die Zugeh rigkeit zur Gro gruppe der Jugendlichen im Makrobereich der gesellschaftlichen Gruppe aus. Sie schlie t die folgenden kleineren Gruppen mit ein. Trotz der Zusammensetzung unterschiedlichster Jugendgruppierungen besteht ein Zugeh rigkeitsgef hl zur Gro gruppe Jugend, das aus der Abgrenzung als soziale Gruppe in der Gesellschaft besteht. Die subkulturelle Gruppe / die Szene Sie dr ckt die Zugeh rigkeit zu einer bestimmten Jugendszene aus und dient der Bin- nenmarkierung in der Szenelandschaft und wird als Szenesprache bezeichnet ( die der Punker und Rapper).
9 Die Peergroup Die Peergroup stellt den kleinsten Bereich dar, in dem der Mikrokosmos einer Gleich- altrigen-Gruppe eingefangen wird. In diesem Bereich dr ckt sich die Zugeh rigkeit zu einer Gruppe Jugendlicher aus, etwa gleichen Alters, hnlicher sozialer Herkunft und gemeinsamer Interessen und Einstellungen. Dort repr sentiert sich die Ingroup- Sprache als Gruppensprache der 4 Henne 86, S. 208. 5 S. Augenstein: Funktionen der Jugendsprache 98, S. 23. 6 S. Augenstein: Funktionen der Jugendsprache 98, S. 25. 19. Zwischen diesen drei Bereichen sind Wechselbeziehungen m glich. Dadurch k nnen sich Ingroup-Sprache, Szenesprache und kommerzialisierte Jugendsprache gegenseitig beeinflus- sen und sind somit im sprachlichen Repertoire nebeneinander zu finden. Der Intergenerationendialog Der Intergenerationendialog hat Gemeinsamkeiten mit dem Dialog zwischen Angeh rigen ver- schiedener Kulturkreise, da Erwachsene und Jugendliche in einer spezifischen Rollenbezie- hung zueinander stehen und die Jugendlichen ihre Probleme der entwicklungsaufgaben mit in den Dialog bringen.
10 Entscheidend f r den Gebrauch von Jugendsprache im Intergenerationendialog ist es jedoch, dass sich Jugendliche und Erwachsene aufgrund ihrer Alterszugeh rigkeit zu verschiedenen sozialen Gruppen z hlen. Diese Gruppen bernehmen wichtige sozialsymbolische Funktionen innerhalb unserer Gesellschaft, indem sie identit tsbildend wirken. 7. Jugendliche und Erwachsene kommunizieren somit nicht nur als Tr ger und Tr gerinnen bestimmter sozialer Rollen miteinander, sie nehmen sich auch als Mitglieder bestimmter sozia- ler Gruppen wahr, deren Grenzen sie entweder betonen oder ffnen k nnen und aus deren Mit- gliedschaft sie entscheidende Impulse f r ihr Selbst erhalten. Im Dialog zwischen Erwachsenen und Jugendlichen k nnen sich die Jugendlichen jedoch recht schnell sprachlich an die Erwachsenen anpassen. 5. Einflussfaktoren Wie entwickelt sich ein Stil? Jugendliche sind heute vielen Einflussfaktoren ausgesetzt, die ihren Sprachstil beeinflussen. Die Jugendlichen, vor allem Subkulturen, reagieren auf diese Einfl sse.