Transcription of Soziale Arbeit - herwig-lempp.de
1 Johannes Herwig-Lempp & Mathias SchwabeSoziale Arbeiterschienen in: Michael Wirsching & Peter Scheib (Hrsg.), Lehrbuch f rPaar- und Familientherapie, Berlin 2002 (Springer), S. 475-488 Die Existenz eines Artikels ber Soziale Arbeit in einem Lehrbuch der Paar- undFamilientherapie sollte zugleich irritieren wie auch angemessen erscheinen:Irritieren, weil Sozialarbeit Therapie weder anwenden noch ersetzen kann, sondernin der berwiegenden Anzahl ihrer institutionellen Formen, ihren Schwerpunktbei ganz anderen Aufgaben und Methoden besitzt. Angemessen, weil die Paar- undFamilientherapie, vor allem ber ihre systemische und konstruktivistischeOrientierung, die Soziale Arbeit in den letzten Jahren wie kaum ein anderer, vonau en kommender Ansatz angeregt und beeinflusst inzwischen den meisten Professionellen in diesem Bereich (von den Sozialarbeiter/-innen und Sozialp dagogen/-innen in Deutschland sindrund zwei Drittel Frauen) klar geworden ist, dass viele dieser Anregungen nichtunmittelbar und direkt in ihr genuines Arbeitsfeld zu bernehmen sind, ist dieserArtikel eine Gelegenheit, Bilanz zu ziehen.
2 Wir gehen dabei in f nf Schritten vor:Zun chst werden wir Sozialarbeit in einigen ihrer zentralen Bestimmungsst ckeumrei en (1). In einem zweiten Schritt sollen berschneidungsfelder undTrennlinien zwischen Beratung im Kontext von Sozialer Arbeit und(Familien-)Therapie anhand einiger Grafiken erl utert werden. Dabei entwickelnwir eine eigenst ndige systemische Beratungs-Konzeption f r die Soziale Arbeit (2). Anschlie end schildern wir einige der zentralen Grundhaltungen undtheoretischen Pr missen des systemischen Ansatzes und zeigen anhand einigerMethoden exemplarisch, wie diese im Kontext der Sozialen Arbeit angewandtwerden (3). In einem Exkurs schildern wir Chancen und Risiken deskonstruktivistischen Ansatzes in der Sozialen Arbeit (4) und thematisieren zumHerwig-Lempp & Mathias Schwabe: Soziale Arbeit2 Schluss, was die Sozialarbeit, gewisserma en im Tausch, der Paar- undFamilientherapie zur ckgeben kann (5).1. Soziale Arbeit und ihre zentralenBestimmungsst ckeInstitutionen der Sozialen Arbeit bilden in allen industrialisierten L nderngemeinsam mit dem Gesundheitswesen und der Alterssicherung die Grundlagender sozialen Infrastruktur.
3 Diese sichert das f r demokratische Gesellschaftennotwendig erachtete Ausma an Massenloyalit t und sozialem Frieden, (vgl. Narr1975), auch wenn die finanzielle Ausstattung und gesellschaftliche Wertsch tzungdieser Infrastruktur im Rahmen politischer Strategien immer wieder wechselndeKonjunkturen erlebt. Ungeachtet dieser Schwankungen und der iminternationalen Vergleich zwischen den f hrenden Industrienationen sehrunterschiedlich entwickelten bzw. teilweise auch schon wieder zur ck gebautensozialen Sicherungssystemen, hat in Deutschland in den letzten 30 Jahren einerheblicher Ausbau von Arbeitspl tzen im Bereich sozialer Dienstleistungen stattgefunden (vgl. Rauschenbach/Schilling 1997) Soziale Arbeit strebt die Bew ltigung individueller und sozialer Probleme an, diemit Hilfe von finanzieller und professioneller Unterst tzung l sbar decken die Einrichtungen und Dienste der Sozialen Arbeit ein Spektrum ab,das von der Kindertagesbetreuung bis zur Erziehungsberatungsstelle reicht, von derSchuldnerberatung bis zur Versorgung von auf der Stra e lebendenWohnungslosen, von der Suchtpr vention in Betrieben bis hin zurBew hrungshilfe oder der Krankenhaussozialarbeit.
4 Zielgruppen Sozialer Arbeitsind Einzelne, Familien und Gruppierungen im Gemeinwesen, die selbst ihreAnliegen nach Unterst tzung und Hilfe formulieren oder von anderen Personenund Institutionen als problembehaftet oder hilfebed rftig gesehen und an dieSoziale Arbeit berwiesen der (Vor-)Geschichte der Sozialen Arbeit k nnen zwei Entwicklungslinienerkannt werden: zum einen die der Unterst tzung zur Existenzsicherung vonbed rftigen Personen, die sowohl Almosen erhielten als auch angehalten wurden,selbst wieder arbeitsf hig und arbeitswillig zu werden; hieraus entwickelte sich dieSozialarbeit. Zum anderen das Bem hen, Menschen schon fr hzeitig inkollektiven Settings (Kinderg rten, Jugendorganisationen, Institutionen derErwachsenenbildung) zu erziehen und f r die Gesellschaft zu sozialisieren - denHerwig-Lempp & Mathias Schwabe: Soziale Arbeit3fr hen Formen der Sozialp dagogik. (vgl. Marzahn , Winkler 1988, M ller1994 u. 1997). Zwischen beiden Traditionslinien gab es schon immer engeWechselwirkungen.
5 In dem etwa ein Jahrhundert w hrendenProfessionalisierungsprozess bildete sich in mehreren Etappen ein eigenerBerufsstand heraus (mit einem Fachhochschul-Studium zur Sozialarbeiterin/Sozialp dagogin), der seine Aufgabe nicht nur in der Beseitigung von individuellenund sozialen Problemlagen, sondern auch in der Thematisierung und Bearbeitungihrer Hintergr nde und Entstehungsbedingungen sieht. Begrifflich werdenSozialp dagogik und Sozialarbeit heute berwiegend unter dem Label SozialeArbeit aller stattgefundenen Professionalisierung kann und darf die Soziale Arbeitdie mit ihrer gesellschaftlichen Funktion verbundene, enge Verkopplung vonunterst tzenden und berwachenden bzw. sanktionierenden Aufgaben nichtverleugnen. Dieses doppelte Mandat (Mahrzahn 1992) bedeutet konkret, dasssich in allen ihren Einrichtungen und Diensten Elemente von Hilfe und vonKontrolle in unterschiedlichen Formen und Graden vermischen. Diese strukturelleKoppelung kann von den Professionellen zwar reflektiert, organisatorischverantwortungsvoll gestaltet, aber nicht aufgehoben den letzten 30 Jahren hat einerseits eine Normalisierung von Sozialer Arbeit alssozialer Dienstleistung stattgefunden, die im Verlauf eines Menschenlebens vonbeinahe jedem B rger - und nicht nur von Menschen am Rande der Gesellschaft- wahrgenommen wird (vgl.)
6 Otto/ Olk 2000). Hierzu hat die zunehmendpr ventive Orientierung der Sozialen Arbeit beigetragen, die B rgern Beratungund Unterst tzung vor der Entstehung von gravierenden Problemen , niedrigschwellige Hilfen zu ihrer Bew ltigung anbietet. Andererseitswird die Soziale Arbeit vor die L sung sehr komplexer und tief im Gef ge derGesellschaft wurzelnder Probleme gestellt, die sie nicht alleine, sondern nur inenger Kooperation mit anderen Berufsgruppen und Institutionen angehen kann:So beispielsweise bei der Gestaltung eines sozial vertr glichen Zusammenlebens inurbanen, multi-ethnischen Ballungszentren. Diese setzt eine enge Vernetzung vonSozial-, Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen mit Stadtplanung undKommunalpolitik auf der einen und mit lokalen Initiativen auf der anderen Seitevoraus; dabei wirken Sozialarbeiterinnen einerseits als spezialisierte Fachleute mit,die mit den Methoden der Beratung, Betreuung, Konflikt-Mediation etc. einSegment dieser komplexen Aufgabenstellung bearbeiten und andererseits alsProzess- und Schnittstellen-Manager , die den Gesamtprozess koordinieren unddie notwendigen Kooperationsbez ge zwischen den einzelnen beteiligten Dienstenund Protagonisten initiieren und auf Dauer systhemtheoretischer Perspektive bekommt die Soziale Arbeit Themen undProbleme zugewiesen, f r die drei m gliche Bew ltigungsstrategien in Fragekommen (vgl.
7 Baecker 1994, Bommes/ Scherr 1996); welche der drei Strategienim Einzelfall jeweils zur Anwendung kommen, h ngt dabei einerseits vomHerwig-Lempp & Mathias Schwabe: Soziale Arbeit4gesellschaftlichen Konsens (Ausstattung mit Mandat und Finanzen) undandererseits von der Nutzung der jeweiligen Entscheidungs-Spielr ume (innovativeKonzepte und Projekte) ab:- Exklusions-Vermeidung meint die Pr vention und Bew ltigung vonBelastungen und Krisen innerhalb sozialer Systeme ( Familie, Schule,Arbeitsplatz) durch die Kl rung ihrer ver nderbaren Ursachen und dieSt rkung der systemeigenen, integrativen Potentiale. Dadurch kann die einemEinzelnen oder einer Gruppe (m glicherweise) drohende Ausschlie ung auseinem System vermieden sozialarbeiterisch (mit-)verantwortete Herausnahme aus einem System(Familie, Schule, Arbeitsstelle) sollte nur erfolgen, wenn dieses trotzUnterst tzung mit der weiteren Integration berfordert ist und/oder derAussto ungsprozess so weit fortgeschritten ist, dass die Entwicklungs-voraussetzungen f r den Einzelnen nicht mehr gew hrleistet Inklusions-Vermittlung meint die Wiedereingliederung eines Individuumsoder einer Gruppe, die in einem von der Sozialen Arbeit organisierten Schutz-und Schonraum pers nliche und/oder auf Bildung bezogene Kompetenzennach-entwickeln konnte, um die eigenen sozialen Teilnahmechancen zuverbessern.
8 Dazu geh rt auch die Vorbereitung des aufnehmenden Systems(Familie, Regelschule, Arbeitsstelle ) f r den ad quaten Umgang mit der neuzu integrierenden Person oder Gruppe- Exklusions-Verwaltung meint die Betreuung einer dauerhaft von bestimmtenTeil-Systemen ( Arbeit , Familie, Wohnung) ausgeschlossenen Gruppe(AsylbewerberInnenn, langj hrige Wohnungslose, Drogenkonsumenten,chronifizierte Psychiatriepatienten). Im Rahmen dieser Bew ltigungsstrategiegilt es, Individuen und Gruppen trotz ihrer sozialen und territorialenRandst ndigkeit, sei sie selbstgew hlt und/ oder fremdverursacht, dieBefriedigung von materiellen, pers nlichen und kulturellenBed rfnissen, wennauch am untersten Bereich des gesellschaftlich M glichen, zu gew Exklusions-Verwaltung als Bew ltigungsstrategie von der Sozialen Arbeitgenerell verweigert und vollst ndig durch st rker auf Integration bedachte Formenersetzt werden kann, muss bezweifelt werden. Allerdings hat die Soziale Arbeitsolche Funktionswechsel selbst schon h ufiger initiiert und mit vorbereitet ( ambulante Betreuung von ehemals internierten Psychiatrie-Insassen oder dieSchuldnerberatung als pr ventives Instrument der Vermeidung von Armut undObdachlosigkeit).
9 Diese drei relativ abstrakten gesellschaftlichen Funktionen werden von derSozialen Arbeit in Anlehnung an L ssi mittels sechs Handlungsarten realisiertHerwig-Lempp & Mathias Schwabe: Soziale Arbeit5(L ssi 1995; siehe andere Formen der Aufgabeneinteilungen bei Staub-Bernasconi1995, S. 57 ff; Schwabe 2000): Beratung (siehe 2. Abschnitt) Verhandlung meint Moderation und Mediation zwischen mehreren Problembeteiligten (Klienten, Angeh rige, KollegInnen und Vertreteranderer Institutionen und Professionen), wobei die Sozialarbeiterin dabeisowohl als Vertreterin einzelner Beteiligter bzw. der eigenen Institution alsauch als neutrale Vermittlerin zwischen den Parteien gefordert sein kann Intervention meint kontrollierendes und eingreifendes Handeln bei Hinweisenauf Selbst- oder Fremdgef hrdung. Interventionen in diesem Sinn sind inder beh rdlichen Sozialarbeit die Inobhutnahme des Kindes bzw. dieAnrufung des Familiengerichts zur Kl rung der elterlichen Sorge; oder ineinem sozialp dagogischen Arbeitsfeld die Sanktionierung einesgrenzverletzenden Verhaltens eines Jugendlichen etc.
10 Vertretung meint stellvertretendes Handeln f r Klienten, denen spezifische Soziale Schw chen bescheinigt werden ( bei Behinderten; verwirrtenAlten etc.); Bereiche wie Wohnen, Gesundheit und Finanzen m ssen vomSozialarbeiter in einer Form gestaltet werden, die den h ufig schwer zuinterpretierenden W nschen des Klienten entspricht. Die Gefahr einer zulange andauernden oder zu umfassenden Bevormundung, erfordert von denSozialarbeitern die Bereitschaft zur st ndiger (Selbst-)Reflexion Beschaffung meint die Versorgung von Klienten mit Geld, G tern oderLeistungen, die vom Sozialarbeiter selbst organisiert und/oder gew hrleistetwerden. Dazu sind h ufig umfangreiche Kenntnisse und Kompetenzen imUmgang mit Recht und Verwaltungen unabl ssig. Begleitung meint eine l ngerfristig angelegte, kontinuierliche Begleitung ineinzelnen, klar umrissenen Lebensbereichen, ohne dass unmittelbar eineVer nderung angestrebt wird und erreicht werden kann, bspw. bei chronischKranken, Langzeit-Abh ngigen, Asylbewerbern jedem sozialarbeiterischen Arbeitsplatz kommen mehrere dieserHandlungsarten zur Anwendung; unterschiedliche, arbeitsfeldspezifischeMischungs-Formen stellen dabei eher die Regel als die Ausnahme & Mathias Schwabe: Soziale Arbeit62.