Transcription of TRÄUME AUS PSYCHOLOGISCHER SICHT
1 1 PSYCHIATRIE HEUTE Seelische St rungen erkennen, verstehen, verhindern, behandeln Prof. Dr. med. Volker Faust Arbeitsgemeinschaft Psychosoziale Gesundheit TR UME AUS PSYCHOLOGISCHER SICHT Ein wissenschafts-historischer R ckblick der psychologischen Traum-Forschung Jeder tr umt, und zwar mehrfach pro Nacht. Auch diejenigen, die behaupten: selten oder gar nie. Der Traum geh rt zum Schlaf und der Schlaf geh rt zum Leben eines jeden Menschen. Den meisten ist das auch klar, zumal sie je nach Traum eine ganze Reihe von Fragen haben, um die sich auch verschiedene Fachbereiche wissenschaftlich bem hen: psychoanalytisch, neurophysiologisch, psychologisch, psychiatrisch u. a., von allen anderen Interessen-Gruppierungen au erhalb von Medizin und Psychologie ganz zu schweigen. Und gerade weil es ein offenbar so viel-schichtiges Ph nomen ist jede Nacht, aber letztlich schwer durchschaubar und weil von so vielen Leuten so viele und vor allem unterschiedliche Interpre-tationen geh rt werden, w re eine n chterne, streng wissenschaftlich orien-tierte Bestandsaufnahme der wichtigsten Erkenntnisse beraus w nschens-wert.
2 Tats chlich gibt es solche Angebote und eine solche Fachrichtung, n mlich die Psychologie oder konkreter: die psychologische Traum-Forschung. Mit ih-rer Hilfe soll hier eine Art Bestands-R ckblick komprimiert referiert werden gleichsam wissenschafts-historisch gesehen. Dabei geht es nicht nur um die psychologischen Grundlagen des Schlafes, sondern auch gleichsam als Basis um die Definition von Traum und Traum-Arten, um Traum-Erinnerungen und die vielf ltigen Einfl sse darauf. Beispiele: Geschlecht, Alter, sozio- konomischer Status, Pers nlichkeitseigen-schaften, Erb-Einfl sse, Intelligenz, Schlafverhalten, das Geschehen am Vor-tage, Medikamente u. a. Auch gilt es zu unterscheiden zwischen Gesunden und k rperlich bzw. vor allem seelisch Kranken. Und hier wiederum in Traum-Gef hle, Sinnes- 2 Empfindungen, physiologische Reaktionen des Organismus: Gehirnaktivit t, Gesichtsausdruck, Augen- und K rperbewegung, Herzschlagfolge, Atem-Frequenz, Hautwiderstand usw.
3 Nicht zu vergessen der Einfluss u erer Rei-ze: Ger usche, Lichtverh ltnisse, Geruch u. a. Und dann die Extrem-Varianten: Albtr ume, n chtliches Aufschrecken, Angsttr ume im Rahmen von Extrembe-lastungen usw. Aber auch das Ph nomen der so genannten luziden Tr ume, der Traum in der Therapie, kurz: die Funktion der Tr ume: was wei man dar- ber, was ist gesichert, wo besteht noch Forschungsbedarf. Dabei wird wieder einmal deutlich: Je wissenschaftlicher, d. h. letztlich selbst-kritischer der Realit t ( Wahrheit ) verpflichtet, desto mehr Fragen sind noch offen. Auch die psychologische Traum-Forschung hat bei einem so alln chtli-chen Ph nomen wie den Tr umen noch viel Arbeit vor sich. Erw hnte Fachbegriffe: Tr ume Schlaf psychoanalytische Traumdeutung neurophysiologische Traumforschung psychologische Traumforschung Schlafprofil - Einschlaf-stadium Tiefschlaf Traumschlaf REM-Schlaf Schlaf-Physiologie Schlaf-Funktionen Traum-Definitionen Traum-Arten Traum-Erfahrung Traum-Erinnerung Traum-Bericht REM-Tr ume Non-REM-Tr ume (NREM-Tr ume)
4 Einschlaf-Tr ume Tr ume unter Narkose Tagtr ume Nah-Todes-Erlebnisse Trait-Faktoren State-Faktoren Lang-Schl fer Kurz-Schl fer psychoanalytisches Modell der Traum-Entstehung Life-Style-Hypothese des Traumes Interferenz-Hypothese des Traumes Salin-ce-Hypothese des Traumes Arousal-Retrieval-Theorie des Traumes Zu-stands-Wechsel-Modell des Traumes Geschlecht und Traum Frau und Traum Mann und Traum Alter und Traum sozio- konomischer Status und Traum Sozialschicht und Traum Einkommensh he und Traum gene-tische Einfl sse und Traum Erb-Einfl sse und Traum - Pers nlichkeitseigen-schaften und Traum Verdr ngung und Traum Neurotizismus und Traum ngstlichkeit und Traum Extraversion und Traum Introspektion und Traum Sensibilit t und Traum Spontaneit t und Traum Norm-Gebundenheit und Traum Kreativit t und Traum Intelligenz und Traum verbale Intelligenz und Traum visuelles Ged chtnis und Traum Schlafverhalten und Traum Interesse an Tr umen Einfluss des Vortages Stress und Traum Medika-mente und Traum (Psychopharmaka, Antidepressiva, L-Dopa) Hirnsch di-gung und Traum Traum-Zahl und -Intensit t nach volkst mlicher Einsch t-zung Traum-Ich Realit ts-Charakter des Traumes bizarre Tr ume Traum-Gef hle negative Tr ume positive Tr ume Sinnes-Empfindungen im Traum (Sehen, H ren, Riechen, Schmecken, F hlen) Blindheit und Traum Farben-Wahrnehmung im Traum Schwarz/Wei -Wahrnehmung im Traum Gedanken im Traum Lesen, Schreiben, Rechnen u.
5 A. im Traum Plaudern, Spazierengehen u. a. im Traum PC-Arbeit, Computerspiele, Fern- 3 sehen u. a. im Traum Traum-L nge Traum und Schlafzeit - Augenbewe-gungen im Traum Gehirnaktivit t im Traum K rperbewegung im Traum Muskelaktivit t und Traum-Inhalt Sprechen im Traum Gesichtsausdruck und Traum-Inhalt Atem-Frequenz, Herzschlagfolge, Hautwiderstand u. a. im Traum sexuelle Erregung Penis-Erektionen im Traum u ere Reize auf den Traum: Ber hrung, Licht, T ne, Geruch, Bewegung interne Reize und Traum : Wasserlassen (Blase), Durst u. a. Schmerz und Traum Tages-Geschehen und Traum Traum-Elemente und Wach-Leben: Figuren, Ge-genst nde, Umgebung usw. Einfluss des Vorabends (positiv/negativ) Tempelschlaf Asklepios-Kult antike Traum-Therapie Lebensereignisse und Traum-Inhalt: Scheidung, Missbrauch, Gewalt, Operationen, Schwanger-schafts-Abbruch, Kriegserlebnisse, Naturkatastrophen, Gei elnahme, Kidnap-ping u.
6 A. posttraumatische Belastungsst rungen Traumatisierung und Traum seelische Verwundung und Traum positive Ereignisse und Traum Farbbrillen-Experimente und Traum Blickwinkel-Ver nderungen und Traum Schlaflabor-Bedingungen (EEG, EMG u. a.) und Traum Schlaflabor-Klientel und Traum M nner-Tr ume Frauen-Tr ume Kinder-Tr ume Senioren-Tr ume h heres Lebensalter und Traum berufst tige Frau und Traum Kontinuit ts-Hypothese des Traums Regressions-Hypothese des Traums Traum und seelische St rung Neurose und Traum Schizophre-nie und Traum Depression und Traum Schlafst rung und Traum Ess-St rung und Traum Alkoholabh ngigkeit und Traum Multiple Pers nlich-keitsst rung und Traum Migr ne und Traum Raucher-Entw hnung und Traum Aggressivit t und Raum Depressivit t und Traum Albtr ume Pavor nocturnus Albtraum und genetische Disposition, Pers nlichkeitsstruk-tur, belastende Ursachen, Medikamente u.
7 A. luzide Tr ume Tr ume in der Therapie: Psychoanalyse, Analytische Psychologie, Individualpsychologie, Gestalttherapie, Familientherapie, Paartherapie, Gespr chspsychotherapie, Transaktionsanalyse, Psychodrama, Themenzentrierte Interaktionen, Kogniti-ve Therapie, Traumgruppen u. a. Funktion des Traumes Traum-Theorien Tr ume eine unendliche Geschichte. Jeder hat schon tausende von Tr u-men hinter sich, auch diejenigen, die behaupten nie zu tr umen (siehe sp -ter). Jeder kennt sch ne Tr ume, belastende Tr ume, Tr ume mit sinnvollem Ablauf und klarer Aussage und Tr ume mit unerkl rlichem Inhalt bis hin zu chaotischen oder gar Albtr umen. Und so gibt es auch niemand, der sich nicht schon einmal gefragt hat, wahr-scheinlich aber fter: Was soll das alles? Sch ne Tr ume: gut, akzeptiert. Schlechte Tr ume hingegen, darauf k nnte man verzichten. Doch sie kommen immer wieder, von den beiden Extremformen bis zu den gemischten Formen in allen Variationen, die man dann auch bald wieder vergisst, sofern man sich berhaupt an sie erinnert.
8 4 So nimmt es nicht wunder, dass Tr ume nicht nur die Menschheit seit jeher begleiten (und die meisten Tiere, wenigstens die h herer Spezies auch) und dass man sich deshalb auch seit Anbeginn der Menschheit Gedanken dar ber gemacht hat. Vor allem die Frage: Welche Bedeutung hatte dieser oder jener Traum? Und das war dann auch das spektakul re Gebiet der professionellen Traumdeuter mit ihren Erl uterungen oder gar Zukunfts-Vorhersagen, was sich zeitlich von der Bibel ber die Antike, das Mittelalter, die Neuzeit bis in unsere Tage erstreckt. Und von den Quacksalbern und Betr gern bis hin zu vision r begabten Traum-Spezialisten. Und seit etwa 100 Jahren die therapeu-tische Arbeit mit Tr umen und ihren psychologischen Hintergr nden. Innerhalb dieser wissenschaftlichen Arbeit mit Tr umen lassen sich drei gro e Bereiche unterscheiden: 1. Die Psychoanalyse, die die Traumdeutung seit den bahnbrechenden Er-kenntnissen von Professor Dr.
9 Sigmund Freud zu einem der Kernpunkte ihrer diagnostischen und therapeutischen Arbeit gemacht hat. Dabei wurden viele durchaus interessante Beobachtungen zusammengetragen, was aber ihre Theorien ber den Traum meist spekulativ gehalten hat und von neueren For-schungs-Ergebnissen auch widerlegt werden musste. 2. Die Neurophysiologie, d. h. die Untersuchungen ber die normalen und krankhaften Funktionen des Zentralen Nervensystems. Der Beginn dieser For-schungsans tze liegt etwa ein halbes Jahrhundert zur ck und begann mit der Entdeckung des so genannten REM-Schlafs durch das Elektroenzephalo-gramm (EEG). Dabei zeigte sich, dass man w hrend des Schlafes verschie-dene Phasen durchl uft, wobei man im REM-Stadium (siehe sp ter) meist von einem bildhaften Traum zu berichten wei . 3. Die dritte gro e wissenschaftliche Str mung in diesem Zusammenhang war und ist die psychologische Traumforschung, die ebenfalls bald auf ein halbes Jahrhundert intensive, vor allem experimentelle Bem hungen zur ck-blicken kann mit beeindruckenden Erfolgen bzw.
10 Erkl rungen zu jenen Ph -nomen, die wir zwar jede Nacht durchmachen, im Sch nen wie Belastenden, die uns aber bisher in ihrem Zusammenhang weitgehend unbekannt geblieben sind. Bisher, denn die nachfolgenden Ausf hrungen versuchen einen komprimierten berblick, eine Einf hrung in die psychologische Traumforschung zu vermit-teln. Grundlage daf r ist das empfehlenswerte Buch des Diplom-Psychologen Dr. Michael Schredl, dessen Arbeitsgebiet u. a. die psychologische Traumfor-schung am Zentralinstitut f r Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim ist. Es ist zwar bereits 1999 erschienen und damit in der zeit-typischen Hektik unserer 5 Gesellschaft schon lter , wobei inzwischen auch manche neueren Erkennt-nisse ver ffentlicht worden sind. Es bleibt aber eine unver ndert n tzliche Ba-sis-Informationsquelle, die zwar typisch wissenschaftlich dicht und stellen-weise halt auch trocken gehalten werden musste, gleichwohl selbst f r inte-ressierte Nicht-Fachleute lesenswert ist.